Reisen mit Jugendlichen durch Kanada – Von der Pazifikküste in die Prärien – 1. Teil Vancouver und Pender Island

Ein Reisebericht von Volker Otter

Man muss nirgendwo gewesen sein, aber manchmal verändert einen das Nirgendwo, sodass man es nie mehr missen möchte. Wir haben das Nirgendwo immer wieder getroffen in Kanada – manchmal unverhofft, banal, aber immer als Höhepunkt unserer Reise.

Wie lange wir als komplette Familie noch gemeinsam längere Zeit auf Reisen verbringen steht in den Sternen. Unser Großer greift nach der Volljährigkeit, unser Jüngster hat sich zu einem stolzen Teenager gemausert. Vielleicht setzt diese große Reise einen Schlusspunkt unter das Familienreisen, wie wir es bis jetzt gepflegt haben. Vielleicht ist es auch ein Höhepunkt und höchstwahrscheinlich nur ein Wandel zu etwas, das wir noch nicht kennen.

Das Reisen mit Jugendlichen hat ein Ablaufdatum

Kanadas Westen – die Stadt Vancouver

Das Loskommen zu viereinhalb Wochen Kanada war nicht einfach. Mein Fahrradunfall ein paar Tage vor Start hätte alles fast ins Wanken gebracht, dann aber doch der Start mit Prellungen und Schürfwunden, wäre ja noch schöner, wenn man sich die Freude dadurch versauen lassen würde, zur Not ausgerüstet mit allem, was der Arzt zur Linderung von Schmerzen aufs Rezept gezaubert hat. Wir fliegen nach Vancouver und werden von einem herbstlichen, pazifischen Regenwetter willkommen geheißen. Zum Ankommen haben wir uns den Luxus eines einfachen Hotels etwas außerhalb gegönnt, auch gut um Prellungen und Schürfwunden zu pflegen, um Besorgungen zu machen und ein paar Ausflüge in die quirlige Stadt zu machen. Was uns am besten gefallen hat? Das Museum of Anthropology mit seiner grandiosen Ausstellung zu den Kulturen der Nordwestküsten-Indianer und einem anschließendem Spaziergang am Strand. Der Flop unserer Meinung nach? Das Vancouver Aquarium, ehrlich gesagt haben uns die Tiere dort manchmal leid getan, der Stanley Park danach hat es aber wieder wettgemacht. Und natürlich ist es cool, durch die Stadt zu tingeln, sich treiben zu lassen und grundlegende Dinge für unsere erste Etappe einzukaufen – ab nach Pender Island.

Das Museum of Anthropology in Vancouver

Die Insel Pender Island im Gulf Islands National Park

Wir fahren mit der Fähre nach Otter Bay auf Pender Island, einer Insel, die zum Gulf Islands National Park Reserve gehört, einem Inselflickenteppich zwischen dem Festland und Vancouver Island. Das Fährticket haben wir von zu Hause aus gebucht, genauso wie den einfachen, aber schönen und zentralen Campingplatz (Prior Centennial Campground). Kurzum – Pender Island muss man nicht kennen, aber es ist gut dort gewesen zu sein. Wir genießen eine kleine, lebendige und liebenswerte Kommune, ohne viel Schnickschnack. Der Nu-To-Yu-Store bietet alles was das Herz begehrt, von Tratsch und Plausch, über Zeltheringe, Schrauben, Nägel, Werkzeug, bis hin zu Kleidung aller Art, Büchern und CDs, Geschirr und Besteck, natürlich alles gebraucht, für einen Appel und ein Ei für einen guten Zweck.

Der Farmer’s Market

Der Farmers Market – ein Genuss für Augen, Ohren und alle Sinne. Wer etwas zu verkaufen hat auf der Insel, den findet man hier: German Vollkornbrot bei einem Hobbybäcker, der eigentlich wie ein Rocker aussieht, Enteneier, Milch,  und Joghurt, Lammfleisch, Seifen und Cremes, Blumen, echtes Bienenwachstuch, lebendige Hühner, Gemüse, Zimtrollen, Pralinen, Kunsthandwerk, eine Gruppe junger Frauen spielt Fiddlemusik, alle sind auf den Beinen, um zu kaufen, sich zu treffen auf einen Kaffee oder ein Bier, bei strahlend blauem Himmel, hier kann man bleiben und sich treiben lassen. Oder die donnerstäglichen Open Stage Sessions in Hope Bay – ein paar junge Leute haben sich zusammengetan, um dieser kleinen Ansammlung von Häusern mit ihrem kleinen Naturhafen neues Leben einzuhauchen. Aus der langen Tradition eines Gemischtwarenladens heraus ist hier ein kleines Kulturzentrum, ein gutes Restaurant, ein kleines Café und eine Chocolaterie entstanden. Neben der Open Stage werden reguläre kleine Konzerte organisiert und vieles mehr. Als wir ankommen, ist schon alles voll. Trotzdem finden wir noch ein Plätzchen vor der kleinen Bühne, trinken leckeren Wein und Home Made Lemonade. Auf der Bühne ist Platz für jeden der willens ist etwas vorzutragen, zu improvisieren und davon gibt es viele hier: Lokale Singer-Songwriter, ein elfjähriges Mädchen covert Rihanna und wird von Cajon, E-Gitarre und Trompete begleitet (nachdem sich die Instrumentalisten den Song noch einmal kurz auf Handy angehört haben), es wird gejazzt, gesungen, improvisiert und gerappt was das Zeug hält, bis in den späten Abend hinein, man kennt sich und die, die man nicht kennt, werden gebührend mit Applaus bedacht. Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, auch über Konzerte und andere Events in Hope Bay: gatherpenderisland.com. Wir fallen völlig inspiriert in unsere Schlafsäcke.

Open Stage in Hope Bay – wir genießen einfach die Zeit

Nun ist Pender Island sicherlich kein Ort für epische Backpacking Abenteuer, das hatten wir auch nicht erwartet, aber es hat doch einiges an Natur zu bieten. Über Salt Springs Adventures hatten wir eine Whale Watching Tour gebucht und werden von unserer Insel am Government Dock abgeholt. Im Schlauchboot sitzen noch drei andere Leute – und ab geht die Fahrt, mit gefühlten 50 km/h brettern wir übers Wasser, mehr Action geht nicht. Wir kommen den ansässigen Orcas respektvoll nahe, begleiten sie ein Stück und beobachten, wie sie jagen, erfahren über die Unterschiede zwischen den Durchziehern und den Anrainern, sehen ein Kalb, das eng bei seiner Mutter bleibt, hören über die Familiengeschichte dieser Gruppe mit ihrer anführenden Matriarchin. Aber es geht nicht nur um Orcas, wir steuern versteckte Winkel an, beobachten Robben, Seeotter und Weißkopfseeadler, erleben die Gewalt von Strömungen in kleinen Sunden. Nach fast vier Stunden landen wir wieder auf Pender Island, durchgerüttelt, mit tollen Windfrisuren und tief beeindruckt.

Eine Orca Kuh mit Kalb

Und natürlich wandern wir auch – kleine Wanderungen, Spaziergänge, für Genießer halt… Wir besteigen (kurz und steil) die Oak Bluffs und schauen von dort im tiefen Nachmittagslicht weit hinaus in die Inselwelt der Gulf Islands, ein verwunschener Ort, für den man sich Zeit lassen sollte. Ein paar Kilometer vor uns die imaginäre Grenze der USA, dahinter die San Juan Islands. Unter uns zieht ein Truthahngeier seine Bahnen über das Meer. Achtung, Zäune gibt es hier nicht und die Bluffs fallen steil ab ins Meer, ein idealer Ort für ein Picknick, Fernglas nicht vergessen, sollte mal ein Wal gesichtet werden.  Was man hier noch tun kann? Wir besteigen den Mt. Norman, auch von dort wieder ein herrlicher Blick auf Sunde und Inseln.

Roesland war früher mal ein Familienresort
Hübsches Museum in Roesland

In Roesland bekommen wir im kleinen Museum einen Eindruck, wie es hier einmal war, als man am Anfang des letzten Jahrhunderts ein kleines Resort für Familien mit mehreren kleinen Blockhütten errichtete, das jetzt einen Dornröschenschlaf schläft, schön muss ein Urlaub hier gewesen sein, vor seinem Hüttchen sitzen und auf die kleine Bucht hinausgucken, heute schaut ein Reiher zurück, dessen Schnabel ab und an ins flache Wasser zischt und mit einem kleinen Fisch wieder erscheint. Ein kleiner Gang auf das Roes Islet schließt sich an. Wir kombinieren alles mit einer kleinen Wanderung um den Roe Lake, auch wenn wir keinen Biber sehen, wir hören ihn zwischen den skunk lilys und Seerosen herum rumoren. Hier gibt es die einzige Biberkolonie der Insel. Danach laufen wir noch zur Shingle Bay hinab, einem kleinen Campingplatz, der nur zu Fuß oder per Boot erreichbar ist, direkt am Wasser, malerisch unter Apfelbäumen und neben einigen noch erkennbaren Resten einer früheren Fischkonservenfabrik gelegen, überall ein wenig Inselgeschichte. Und abends findet man uns immer wieder mal an der Thieves Bay, immer in der Hoffnung auf durchziehende Wale, die uns aber leider im Stich lassen. Dafür genießen wir Sonnenuntergänge und spielen Karten (inkl. einem Schlückchen Wein oder wahlweise Limonade).

Sonnenuntergang an der Thieves Bay

Aber Achtung auf dem Nachhauseweg. Auf Pender Island gibt es Stoppschilder und einen Tarnkappen-Polizisten. Wir begehen den Fehler, bei einem einsamen Stoppschild nicht bis drei zu zählen, sondern rollen heran, erkennen dabei die Möglichkeit freier Fahrt soweit das Auge schauen kann und biegen auf den anderen geteerten einsamen Feldweg ab, wenig später werden wir mit Sirene, blau-rotem Geblinke und einem Polizisten in voller Kampfmontur angehalten, seine Tarnkappe hat er wohl im Gebüsch gelassen, hinter dem er uns tagelang in bester Jägermanier aufgelauert haben muss. Klare Anweisungen, Hände ans Steuer, Fenster runter und Muffesausen und mit einem blauen Auge davonkommen. Den Rest der Reise zählen wir gnadenlos immer bis drei an jedem Stoppschild, egal wie einsam.

Wer ein wenig die Weite sucht und wildes Pazifikufer, der sollte zum Gowland Point und dem angrenzenden Brooks Regional Park fahren, einfach am Strand entlang auf Entdeckertour gehen, auf glitschigen Felsen balancieren, über Treibholzverhaue klettern, über das freie Gras- und lichte Waldland wieder zurück. Wenn’s warm wäre, könnte man sogar baden, ist es aber leider nicht. Auf dem Rückweg erkunden wir noch im Dauernieselregen die verschlungenen Pfade durch den Regenwald des Enchanted Forest Parks, das Moos quietscht und quatscht, umgefallene Bäume, Farne, kleine Bachläufe, für uns ein weiterer Genießerspaziergang. Und natürlich haben wir längst nicht alles gesehen, wer es uns nachtun möchte, findet auf pendernaturalists.ca/penders-special-places/ ein paar Anregungen.

Immer wieder einsam – die Küste Kanadas

Zeit zum Abschied nehmen, fünf volle und trotzdem geruhsame Tage auf Pender Island gehen über in den Olympic Nationalpark – unser nächstes Ziel an der nun offenen und wilden Pazifikküste. Der Fahrttag ist lang, die Fähre bis Swartz Bay, dann runter nach Victoria und wieder auf die Fähre nach Port Angeles auf der Olympic Peninsula. Die Einreise in die USA über den Seeweg läuft glatt, spannend bleibt es aber doch, zumal ein Einreiswilliger vor uns in Handschellen abgeführt wird. Ansonsten sind die Beamten aber irgendwie ein wenig redseeliger und freundlicher als an den Flughäfen.

Hier geht es zur nächsten Etappe der Reise durch Kanada →

Und hier zum Olympic Nationalpark in den USA →

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