Der EB im Nationalpark Malá Fatra und westlich der Hohen Tatra – ein Wander-Träumchen im Norden der Slowakei

Der EB in der Mala Fatra

Der Morgen ist bitterkalt. Mit behandschuhten, aber dennoch steifen, Fingern klammere ich mich verzweifelt an meine Wanderstöcke, als würde das feste Zupacken diese auftauen. Tut es aber nicht. Die Beine sind schwer, die Gelenke ächzen und krachen unter der Belastung, die ich ihnen an diesem frostigen Herbstmorgen zumute. Einmal mehr erkenne ich, dass ich keine zwanzig mehr bin und es mir von Jahr zu Jahr schwerer fällt kurze, ungewöhnlich starke Belastungen mit vorhandener Körperkraft oder Kondition zu kompensieren. Zu allem Überfluss trägt der böige Wind nicht gerade dazu bei, sich an die grimmigen Temperaturen zu gewöhnen. Im Gegenteil, der Windchill-Effekt lässt meine Gesichtszüge gefrieren, obwohl die Temperaturen sicherlich nicht unter null Grad liegen (aber auch nicht viel darüber). Der Aufstieg auf den Hauptkamm der Malá Fatra ist steil, sehr steil. Wir wählen selbstverständlich die steilste Variante an diesem kalten Morgen im Oktober, da die einfachere um den Gipfel herum durch Bärengebiet führt. Und auf die Begegnung mit einem nach einer geeigneten Ruhestätte für den Winter suchenden Bären habe ich an diesem Morgen wirklich keine Lust. Sehr langsam fügen wir einen Fuß vor den nächsten und erklimmen so in einem unseres Alters angemessenen Tempo den 1.468 Meter hohen Suchy, die erste Erhebung auf dem Hauptkamm des Nationalparks Malá Fatra.

Die Mala Fatra
Der Nationalpark Malá Fatra

Das Gebirge Malá Fatra und der Nationalpark Malá Fatra – ein kleiner Traum im Norden der Slowakei

Die Malá Fatra ist ein kleiner Gebirgszug im Nordwesten der Slowakei. Das Wort Malá bedeutet im slowakischen Klein, also Kleine Fatra und beschreibt das gerade einmal 55 Kilometer lange Gebirge damit sehr treffend. Etwas weiter südlich schließt sich die Veľká Fatra an (die große Fatra). Die beiden Gebirgskämme der Malá Fatra verlaufen von Südwest nach Nordost und werden durch das Flusstal Waag (Váh) durchbrochen. Jedoch nur der östliche Teil der Malá Fatra ist seit 1988 Nationalpark. Die Malá Fatra gehört zum großen Karpatenbogen, der sich von Rumänien bis nach Österreich erstreckt. Die Malá Fatra wird den Äußeren Westkarpaten zugeordnet.

Der Hauptkamm der Mala Fatra
Der Hauptkamm der Malá Fatra

Wir sind wieder auf dem Fernwanderweg von Eisenach nach Budapest, kurz EB genannt. Vor drei Tagen haben wir den ersten slowakischen Abschnitt des 2.700 km langen Fernwanderweges erreicht. Nachdem wir den westlichen Gebirgszug der Malá Fatra hinter uns gelassen haben, liegt nun der Hauptkamm des Nationalparks Malá Fatra vor uns. Wenn ich bis dato von Bergen gesprochen habe, so muss ich meine Einschätzung korrigieren. Bisher haben wir Hügel bezwungen – meinetwegen große Hügel – aber nun sind es tatsächlich Berge, die vor uns liegen. Hier in der Malá Fatra fühlt es sich zum ersten Mal seit Beginn unserer Reise wie eine richtige Bergwanderung an, bei der man auch hin und wieder richtig kraxeln muss. Der höchste Berg der Malá Fatra ist mit 1709 Metern der Veľký Kriváň. Dieser Berg ist allerdings fast bis zum Gipfel mit einer Seilbahn erreichbar, weshalb sich hier auch zum ersten Mal, seit wir in der Slowakei sind, viele Tagestouristen tummeln. Bisher waren wir eigentlich immer alleine auf weiter Flur während unserer Herbstwanderung in den Westlichen Beskiden und der Malá Fatra. Hin und wieder begegnete uns am Wochenende der ein oder andere einheimische Wanderer, aber ausländische Touristen haben wir so gut wie überhaupt nicht gesehen. Das spiegelte sich auch in unseren Unterkünften wieder, in denen wir fast immer die einzigen Übernachtungsgäste waren. Hier auf dem Hauptkamm des Nationalparks Malá Fatra treffen wir zum ersten Mal seit zwei Wochen andere Wanderer, auch wenn dies nur Tagestouristen sind.

Chata pod Suchym
Die Chata pod Suchym

An besagtem kalten Morgen starten wir an der Berghütte Chata pod Suchym unsere Wanderung über den Hauptkamm des Nationalpark Malá Fatra. Unser heutiges Ziel ist die Berghütte Chata na Gruni, mit 15 Kilometern unsere bisher kürzeste Etappe. Nach dem Hinweis eines netten Einheimischen, dass es eine schwere Etappe sei, starten wir dennoch sehr früh am Morgen an der Berghütte. Jetzt im Herbst kann man hier nur bis maximal 18 Uhr unterwegs sein, da schon gegen 17.30 Uhr die Dämmerung hereinbricht. Zum Glück haben wir einen wunderschönen Tag für die Überquerung der Malá Fatra erwischt, den wir trotz der morgendlichen Strapazen in vollen Zügen genießen. Mit Erreichen des ersten Gipfels, den 1.468 Meter hohen Suchy, haben wir zum ersten Mal einen ausgedehnten Rundumblick über die Landschaften der nördlichen Slowakei. Total fasziniert harren wir einige Minuten auf dem Gipfel aus und genießen die Szenerie, trotz des stürmischen Windes, der uns schier aus dem Gleichgewicht bringt. Nach und nach überqueren wir über den Kammweg alle Gipfel der Malá Fatra, den 1670 Meter hohen Maly Kriváň (Kleiner Krivan), den 1709 Metern hohen Veľký Kriváň (Großer Krivan), den 1647 Meter hohen Chleb und den 1636 Meter hohen Hromove. Auch wenn der EB offiziell nicht über alle diese Gipfel führt, lassen wir keine Ausblicke aus, die bis in die Hohe Tatra reichen.

Ausblick in die Hohe Tatra
Die Hohe Tatra im Blick

Trotz des guten Wetters ist es den ganzen Tag stürmisch und wir müssen auf einigen Passagen höllisch aufpassen, dass uns der starke Wind nicht in den Abgrund bläst. Der Kammweg ist zwar nicht wirklich gefährlich, aber die Hänge sind stellenweise dennoch sehr steil. Wir werden während unserer Wanderung Zeuge wie ein junger Mann fast seinen Rucksack verliert, als er diesen ein wenig unachtsam am Rande eines Steilhangs absetzt und der starke Wind diesen erfasst und in die Tiefe zu reißen droht. Angesichts des ungemütlichen Windes fällt auch unsere Mittagspause im Windschatten des Veľký Kriváň kürzer aus als erwartet. Dies erweist sich im späteren Verlauf des Tages als wichtige Zeitersparnis, da wir nicht so schnell vorankommen als erwartet. Wir erreichen eine Stunde bevor es dunkel wird ziemlich erschöpft unsere Chata. Der Abstieg zur Hütte, welcher unter anderem über eine Skipiste führt, war alles andere als einfach. Nach Regenfällen, so wurde uns gesagt, ist der Abstieg zur Gruni-Hütte fast nicht zu bewältigen.

Blick auf die Berghütte Gruni
Abstieg zur Berghütte Gruni

Matschige AngelegenheitDas Glück verlässt uns am nächsten Morgen, oder besser gesagt in der Nacht, als es zu regnen beginnt, denn wir müssen eben diesen Weg zurück zum Pass, um wieder auf den EB zu gelangen. Die steile Skipiste ist da noch das kleinere Übel. Der letzte Serpentinen-Anstieg auf den Pass ist so unglaublich verschlammt und rutschig, dass wir tatsächlich die doppelte Wegstrecke zurücklegen müssen, indem wir auf einen Schritt nach vorne zwei zurückschlittern. Ohne unsere Stöcke wäre dieser Aufstieg nicht möglich gewesen. Aber auch im weiteren Verlauf der Wanderung ist es heute sehr schwierig. Der hier lehmartige Untergrund ist bei Nässe unglaublich rutschig. Auf einer nahezu lebensgefährlichen Mission flankieren wir den 1607 Meter hohen Berg Stoh. Der sowieso schon schwierige Wegeverlauf wird bei diesem Wetter zu einer gefährlichen Rutschpartie, bei der jeder Schritt sorgfältig abgewogen werden muss. Eigentlich bin ich diesbezüglich wenig empfindlich, aber diese geradezu seifige Bodenbeschaffenheit habe ich auf Wanderungen bisher selten erlebt. Unter dieser Voraussetzung kommen wir nur sehr langsam voran. Zu allem Überfluss ist es heute wieder windig und die Wolken hängen tief in den Bergspitzen. Am Pass Rozsutcom müssen wir uns entscheiden, ob wir es angesichts des schlechten Wetters wagen den schönsten Berg der Malá Fatra, den markanten 1610 Meter hohen Veľký Rozsutec zu besteigen. Ich bin froh, dass mir diese Entscheidung mein Mann abnimmt, der sich wie ein stoischer Esel weigert den schwierigsten Part dieser Reise zu gehen. Angesichts der schlechten Sicht – der Berggipfel ist komplett in Nebel gehüllt – empfinde ich seine Entscheidung selbst als Erleichterung. Wir wählen einen niedriger gelegenen Wanderweg an der Ostflanke des Veľký Rozsutec und erreichen den EB wieder kurz vor dem Gipfel des Maly Rozsutec, an dem der EB Richtung Nordosten abbiegt. Trotz der leichteren Passage erreichen wir heute erst kurz vor der Dunkelheit unsere Unterkunft nördlich von Zázrivá.

Ausblick auf Zazriva
Die Ortschaft Zázrivá liegt sehr zersiedelt zwischen den Bergen der Malá Fatra
Blick in die Mala Fatra
Am nächsten Morgen – Blick zurück auf den Veľký Rozsutec

Die Gebirge Oravská Magura und Skorušinské vrchy westlich der Hohen Tatra

Im weiteren Verlauf überquert der EB die beiden Gebirge Oravská Magura und Skorušinské vrchy, die zwar nicht mehr so hohe Berge aufweisen können als die Malá Fatra, aber deshalb nicht minder schön sind. Die beiden Gebirge sind geprägt von tiefen Wäldern, die aber immer wieder schöne Blicke auf die Hohe Tatra zulassen. Im Oravská Magura Gebirge, um dessen höchsten Berg Minčol, entdecken wir frische Wolfsspuren und zwei Tage später auf dem Weg an die polnische Grenze zum ersten Mal deutlich erkennbare Bärenspuren und Hinterlassenschaften der hier heimischen Braunbären. Auch wenn wir generell wenig ängstlich sind, so wandert es sich mit dem Wissen um die pelzigen Waldbewohner immerhin mit einem leichten Kribbeln in der Magengegend, wenn es wieder einmal im Gebüsch raschelt.

Östlich der Mala Faltra
Das Oravská Magura Gebirge westlich der Hohen Tatra……
Das Gebirge Oravská Magura
bietet wunderschöne Blicke über die slowakischen Gebirge

Nach 22 Tagen und 240 Kilometern (inkl. westliche Beskiden) haben wir den ersten slowakischen Teil des EB geschafft (nach einem weiteren Abschnitt in Polen führt der EB noch einmal im äußersten Osten durch die Slowakei). Wir erreichen die polnische Touristenstadt Zakopane. Nach insgesamt knapp 1.700 gelaufenen Kilometern endet unsere Reise für dieses Jahr nun endgültig. Wir freuen uns auf die Weiterreise und Wanderung auf dem EB im nächsten Jahr.

Zakopane
Wir haben unser diesjähriges Ziel erreicht….
Slowakische Fahne
und sehen uns im nächsten Jahr wieder

Ein weiterer lohnenswerter Fernwanderweg in der Slowakei

Einer der bekanntesten – und sicher beliebtesten – Fernwanderwege in der Slowakei ist der nationale „Weg der Helden“, der Cesta hrdinov SNP, welcher an den Slowakischen Nationalaufstand erinnern soll. Dieser ca. 770 Kilometer lange Fernwanderweg verbindet zahlreiche Orte miteinander, die während des Slowakischen Nationalaufstands nach dem zweiten Weltkrieg eine bedeutende Rolle gespielt haben. Dabei durchquert er die Slowakei fast komplett von Ost nach West. Der nationale Fernwanderweg überquert dabei die zentralen Gebirge der Slowakei wie die Veľká Fatra (Große Fatra) und die Nízke Tatry (Niedere Tatra), nicht aber die Hohe Tatra. Der Cesta hrdinov SNP verläuft komplett identisch mit dem Europäischen Fernwanderweg E 8 und seine Markierung ist identisch mit der des EB in den Farben weiß und rot. Ich bin mir sehr sicher, dass ich – nachdem ich einen Blick in die atemberaubende Bergwelt der Großen Fatra und Niedere Tatra werfen konnte – diesen Fernwanderweg auf jeden Fall noch auf meine Bucket Liste setzen werde.

Blick auf die Velka Fatra
Blick auf die südlich gelegene Veľká Fatra 

Der EB im Nationalpark Malá Fatra und westlich der Hohen Tatra – unser Fazit

Die Malá Fatra und der dazugehörige Nationalpark waren für uns der bisher schönste Abschnitt auf dem EB. Ein kleines Träumchen! Wir haben eine solch imposante Bergwelt für die nördliche Slowakei nicht erwartet und wurden diesbezüglich auf ganzer Linie positiv überrascht. Nicht nur die bekannte Hohe Tatra spricht für einen Urlaub in der Slowakei. Zahlreiche andere Gebirge machen dieses Land zu einem wunderschönen Wandergebiet im Osten Europas. Ganz bestimmt wird unsere Wanderung auf dem EB nicht unser letzter Aufenthalt in der Slowakei gewesen sein.

Die Mala Fatra
Die Malá Fatra – ein kleiner Traum im Norden der Slowakei

Mit der schönen Bergwelt wird aber auch der EB in der Slowakei deutlich anspruchsvoller und manchmal zu einer richtigen Bergwanderung. In der Malá Fatra und dem Nationalpark sind die Übernachtungsmöglichkeiten auf die Berghütten begrenzt, da wildes Zelten verboten ist. Diese liegen glücklicherweise in wanderbaren Etappen auseinander, eine Übernachtung sollte allerdings in den Sommermonaten rechtzeitig gebucht werden. Die Slowaken sind ein wanderfreudiges Völkchen. Wandert man im Herbst die Malá Fatra sind Reservierungen auf den Berghütten nicht mehr nötig (wir waren oft die einzigen Gäste). Natürlich sollte man sich im Vorfeld darüber informieren, ob die anvisierte Hütte auch geöffnet hat, da manche Berghütten im späten Herbst ihren Sommerbetrieb einstellen und erst wieder für den Winterbetrieb (ab Ende November) öffnen.

Herbstwandern westlich der Hohen Tatra

Das Oravská Magura Gebirge überquert man in zwei langen Tagesetappen. Für eine Übernachtung muss man den EB ins Tal verlassen, wenn man nicht die einzige Übernachtungsmöglichkeit (die Pension Prislop) auf dem Bergkamm an der Kreuzung zur Staatsstraße 78 als Quartier wählt. Wer sich dagegen für das Wildzelten entscheidet, sollte wissen, dass er in Bären- und Wolfsgebiet unterwegs ist.

Die Versorgung ist auf diesem 150 Kilometer langen Abschnitt des EB ein wenig eingeschränkt. Man kommt nicht täglich an Supermärkten oder kleinen Dorfläden vorbei. Läuft man über die Berghütten sind zumindest das Frühstück und Abendessen kein Problem, da es dort gute und reichhaltige Essensangebote gibt (leider eingeschränkt für Vegetarier und nicht für Veganer). Für die Tagesverpflegung sollte man sich vor der Malá Fatra noch einmal ausreichend eindecken, damit man ein paar Tage ohne einkaufen auskommen kann.

Zu guter Letzt möchten wir noch erwähnen, dass die Beschilderung in der Malá Fatra und im Westen der Hohen Tatra hervorragend ist. Die Beschilderung weißt hier fast ausschließlich auf den E 3 hin, die Markierung ist aber auch hier wieder weiß-rot-weiß, und hin und wieder sieht man einen kleinen EB-Aufkleber auf den Wegweisern kleben. Wer die wohl hierhin geklebt hat?

Blick auf die hohe Tatra
Ein letzter Blick auf die Hohe Tatra

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