Reisen mit Jugendlichen durch Kanada – Von der Pazifikküste in die Prärien 4. Teil – Kulturgeschichte im Writing-On-Stone Provincial Park, Alberta

Der Writing-On-Stone Provincial Park

Ein Reisebericht von Volker Otter

Der Writing-On-Stone Provincial Park und seine Geschichte

Schon auf unserer letzten Etappe waren wir Grenzgänger – die Grenze zum großen Nachbarn USA in Sichtweite. Das wird auf unserer letzten Etappe so bleiben. Auch begleitet uns die Geschichte dieses weiten Landes, Kanada. Während wir im Grasslands Nationalpark vor unserem inneren Auge Sitting Bull mit seinen Anhängern begleiteten, die nach dem letzten großen Aufbäumen der nördlichen Präriestämme in der Schlacht am Little Bighorn River von Montana nach Kanada flohen, um am Frenchman River Zuflucht zu suchen, fahren wir jetzt durch einen Landstrich, der durch die verzweifelte Nordwest-Rebellion der Métis und Cree gegen die Regierung in Ottawa zum Ende des vorletzten Jahrhunderts geprägt wurde. Ortsnamen erinnern manchmal daran. Piapot zum Beispiel, ein kleiner Flecken, genannt nach einem Cree-Häuptling, der sich gegen die kanadische Regierung erhob, um die vertraglich zugesicherten Rechte für seinen Stamm einzufordern. Wir biegen hinter Medicine Hat auf die kleine Landstraße 879 nach Süden ab.  Auf der gleichen Route flohen viele Métis und Cree nach der durch die Royal Mounted Police niedergeschlagenen Rebellion in das für sie sicherere Montana vor staatlicher Verfolgung und Bestrafung. Eigenartig, das Hier und Jetzt zusammen zu bekommen mit der Geschichte, während wir durch die Weite der Prärie fahren, die sich seitdem nur wenig verändert haben mag. Ja, die Zäune, die sind dazugekommen und Bisons gibt es hier schon lange nicht mehr, aber das weite Land, das bleibt. Und wir sind auf dem Weg zum Writing-On-Stone Provincial Park am Milk River, ein magischer und historischer Ort und seit kurzer Zeit auch Teil des kulturellen UNESCO-Welterbes.

Blick in die Ferne auf den Writing-On-Stone Campground am Milk River

Der Milk River selber hat seinen Namen von der Lewis & Clark Expedition bekommen. Lewis und Clark verglichen das Wasser des sedimenthaltigen Flusses mit der Farbe von Tee mit einem Schuss Milch darin. Der Milk River war schon immer eine Lebens- und Verbindungslinie in den zentralen Prärien, an der sich Handel und Austausch zwischen den Rocky Mountains und den Prärien entwickelte, an der heilige und kulturelle Orte wie der heutige Writing-On-Stone-Provincial Park entstanden und an der am Ende des 19. Jahrhunderts ein von der Royal Mounted Police bedingt geduldeter Handel mit Waffen und Alkohol florierte. Die Posten am Milk River waren so isoliert, dass sich ein Geben und Nehmen zwischen Schmugglern und Polizisten ergab. Die Geschichte der Mounties endete im Writing-On-Stone Provincial Park mit dem ersten Weltkrieg, als viele von ihnen zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Der alte Posten an der Mündung des Police Coulees in den Milk River verwaiste und wurde nicht mehr besetzt. Die alten Blockhütten stehen bis heute als historische Landmarke in dem Teil des Parks, der nicht oder nur mit einer geführten Tour betreten darf, um die heiligen Stätten der Indianer und die unzähligen Felszeichnungen und Felsritzungen zu bewahren.

Prärie ist nicht gleich Prärie, sie ist immer anders

Wir kommen dem Writing-On-Stone Provincial Park langsam näher, die Landschaftsform ist monumental. Weites Grasland, durch die Eiszeit geformte Weite, manchmal steil eingeschnittene Täler, in denen in früheren Zeiten mächtige Ströme geflossen sein müssen, vereinzelte Weiler, vereinzelte Ranches, immer wieder verfallene und verwitterte Gebäude, die ihre Geschichte für sich behalten. Im Süden ragen die Sweetgrass Hills in Montana auf, dann der Abzweig zum Writing-On-Stone Provincial Park und wir fahren in die Hoodoo-Wunderwelt und das üppige Grün alter Cottonwood-Trees am Fluss ein. Der Campground liegt direkt in einer Flussschleife unter alten Bäumen, unseren Platz hatten wir vorher rechtzeitig zum Stichtag der Buchungsfreigabe gebucht und das war gut so, denn der Platz ist voll. Trotzdem haben wir nie das Gefühl, dass wir beengt sind. Jeder Platz hat seinen eigenen Charakter. Die Stimmung ist ruhig und entspannt. Im Office gibt es Kleinigkeiten zu kaufen (ansonsten sollte alles mitgebracht werden), nach der langen Fahrt sind wir aber froh um ein kühles Getränk. Was tun? Zelte aufbauen, geht schnell und routiniert. Dann ab zur Badestelle mit Strand und rein ins Wasser. Sich treiben lassen, Achtung, die Strömung ist in der Mitte nicht unbeträchtlich und prima geeignet zum Speedschwimmen oder einem gemütlichen Treibenlassen vom Flusszugang ein paar hundert Meter flussaufwärts hin zur Badestelle, kleine Kinder bleiben mit Schwimmweste im flachen Wasser am Rand. Den ersten Abend genießen wir im Lager und lassen den Blick über den Fluss schweifen.

Zelten am Milk River
Writing On Stone Felsritzungen

Die Morgenstunden sind schön am Fluss, noch kühl und ruhig, feuchte Luft, Rauschen in den Bäumen. Nach dem Frühstück wandern wir den kurzen Pfad durch die Hoodoos zum Visitor Center und verschaffen uns einen Überblick über den Writing-On-Stone Provincial Park. Die Ausstellung zur Geschichte und Kultur der verschiedenen Stämme, die dieser Gegend bis heute  kulturell und spirituell verbunden sind, wird beeindruckend erzählt, genauso wie die Geschichte der Besiedelung durch weiße Siedler. Dann geht es weiter auf den Hoodoo-Trail flussaufwärts. Mit einer Broschüre bewaffnet erfahren wir auf den fünf Kilometern entlang der Felsformationen und hinunter in das grüne Dickicht der Flussniederung und dann wieder hinauf zu einem fabelhaften Aussichtspunkt viel über die Natur, Geschichte und Kultur dieses Ortes. Wir kommen an mehreren Felszeichnungen und Felsritzungen vorbei. Berühmt ist die Battle Scene, die eine Schlacht zwischen den siegreichen Piegan und einem Verbund von Crow, Gros Ventre und Cree beschreibt. Schade, dass diese Felsritzung nur durch ein Gitter zu bestaunen ist. Schade auch, dass dies notwendig erscheint, da es ein hartnäckiges Verlangen zu geben scheint, solche Schätze durch Vandalismus („Dave was here!“) zu zerstören. Gut, dass ein großer Teil des Writing-On-Stone Provincial Parks nur in Begleitung eines Guides betreten werden darf (das werden wir morgen tun), um die unendlich vielen kulturellen und spirituellen Schätze zu erklären und zu bewahren.

Writing On Stone auf dem Hoodoo Trail

Wir treffen nur wenige Menschen, dafür aber auf unendlich viele Punkte, an denen wir verweilen und die Schönheit dieses Teils des Milk Rivers bewundern. Irgendwann zum Abend hin wandern wir nach einem ausgiebigen Bad nochmal in die Hoodoowelt flussabwärts hinein und schauen auf das Farbenspiel der untergehenden Sonne am Scheitelpunkt zwischen den weiten Grasebenen und der Abbruchkante der Hoodoo-Formationen mit Blick in das Flusstal. Wieder und wieder können wir uns nicht losreißen, egal, ob Erwachsener oder Jugendlicher.

Die Hoodoo-Welt am Milk River

Auf den Spuren der Vergangenheit im Writing-On-Stone Provincial Park

Die Tour am nächsten Tag mit einem Elder der Piegan-Blackfoot bringt uns zu spirituellen und kulturellen Schätzen, die wir ansonsten nie gesehen hätten. Die Felsritzungen und –zeichnungen, die dem Writing-On-Stone Provincial Park seinen Namen geben, erzählen von vergangenen realen oder spirituellen Ereignissen, dienten der Informationsweitergabe, manche Kunstwerke werden aufgrund ihrer Perfektion auch den Geistern zugeschrieben. Manche Werke erscheinen und verschwinden wieder. Der Elder beschreibt nicht nur den kulturellen Hintergrund der Werke, sondern interpretiert ihn auch. Er lässt uns das Land in seiner Bedeutung für die Ureinwohner neu entstehen. Er erzählt vom Wandel des Landes und seiner bleibenden Bedeutung und davon, dass immer wieder neue Kunstwerke entdeckt werden, während andere vergehen, dass dieses Land auch heute noch Gebeine von hochgestellten Persönlichkeiten bewahrt. Er spricht von der Fragilität des Landes und von der Notwendigkeit es zu bewahren und zu schützen. Er macht uns auf Landmarken aufmerksam, die vor nicht allzu langer Zeit (und vielleicht in naher Zukunft wieder) zur Visionssuche genutzt wurden und macht uns auf einen roten Beutel, eine Opfergabe, aufmerksam, der schon seit vielen Jahren hoch am Steilufer vor einer kleinen Höhle hängt und den wir später noch einmal auf unserer Kanutour auf dem Milk River entdecken werden.

Writing On Stone -Geistwesen und eine Geburt

Die letzten Felsritzungen durch die Blackfoot stammen aus dem Jahr 1924 und stellen einen Ford Model T mit Insassen dar, mit dem eine archäologische Expedition mit Unterstützung zweier Blackfoot- Elder dieses Gebiet erreichte. Auf dieser Tour haben wir nur einen Bruchteil des spirituellen und kulturellen Schatzes dieser Gegend gesehen und doch ein Gefühl für deren Reichtum bekommen. Wir sind froh um diese Erfahrung. Es ist ein Unterschied, ob man darüber liest oder es von einem Menschen, der mit dieser Welt verbunden ist, erklärt bekommt.

Abends schaffen wir unser persönliches Writing-On-Stone-Kunstwerk in den Hoodoos, ein flüchtiges Kunstwerk, das wir auf Foto bannen, bevor es gleich wieder verschwindet, unser Schattenspiel. Und dann landen wir natürlich alle irgendwann unten im Lager, jeder beseelt von seinen persönlichen Eindrücken und aufgeregt, da wir noch einiges richten müssen für ein weiteres Familienabenteuer, unsere Kanutour auf dem Milk River.

Vergängliche Felszeichnung im Writing-On-Stone Park

Hier geht es zur letzten Etappe der Reise durch Kanada →

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