Städtereisen mit Jugendlichen – Kurztrip nach Dresden

Ein Reisebericht von Volker Otter

Altehrwürdige Kultur trifft jüngere deutsche Geschichte und linksalternative Szene

Szeneviertel in Dresden

Corona machte es möglich. Wir fahren nach Dresden, eigentlich zunächst ungewollt, da Berlin anstand, ein schönes Hostel war gebucht, doch dann wurde Berlin Mitte in den Herbstferien 2020 zum Corona-Hotspot. Wir mitten drin? Lieber nicht. Dresden war zu dieser Zeit noch ziemlich im Keller mit den Infektionszahlen. Also los. Schnell was buchen. Wir bekommen eine coole Unterkunft unter dem Dach, direkt zwischen dem Inklusions-Café Loyd’s mit super Frühstück und dem Raskalnikoff, einer Hostel- und Kneipeninstitution mitten in der äußeren Neustadt, mitten im Geschehen, machen Erfahrungen mit einem volldigitalisierten Haushalt voller lustiger DIY-Gimmicks und Alexa, die wir irgendwie zum Nichtmehrfunktionieren bringen, was Auswirkungen auf unsere Zimmerbeleuchtung hat, aber das sehen wir gelassen.

Hauswand Graffiti

Dresdens Geschichte vom Ende des 2. Weltkrieges bis zur DDR

Stasigefängnis Zellentrakt
Der Zellentrakt im Stasigefängnis

Und natürlich regnet es. Dauerhaft. Als wir ankommen. Auch das nehmen wir gelassen und erkunden das Elbufer, besuchen „Disneyland“, die wieder neu aufgebaute Altstadt rund um die Frauenkirche. Alles neu und alt zugleich. Trotzdem gelungen, das Elbufer stellen wir uns bei Sonnenschein vor. Ansonsten viele Baustellen. Trotzdem macht es Spaß dort durch zu tingeln. Die Frauenkirche – man mag zu dem Vorhaben und den geflossenen Geldmitteln stehen wie man will – ist eindrucksvoll und fast noch eindrucksvoller das Turmsegment, das nach der Bombardierung auf dem Vorplatz gelandet war und neu aufgerichtet worden ist. Auf dem Weg zurück fallen uns immer wieder verfallene Wohneinheiten auf, aber auch eine kleine Markthalle mit schönen Läden und die pulsierende Lebendigkeit der Unterneustadt. Nur ein erster Eindruck. Den Abend lassen wir im Raskalnikoff ausklingen in urigem Ambiente bei gutem Essen, Softdrinks und lokalem Bier.
Heute haben wir Programm. Für unsere Jugendlichen besonders spannend, gehören sie doch zu der Generation, die nach der Wende geboren ist und die DDR und die friedliche Revolution nur mittelbar kennen. Wir besuchen die Gedenkstätte Bautzener Straße, ein ehemaliges Gefängnis der Sowjets nach dem Krieg und dann späteres Stasi-Gefängnis. Der Zugang zur Geschichte ist sehr persönlich gestaltet durch die Audioguides, die einen mit den persönlichen Geschichten von drei jungen Männern konfrontiert und durch das Martyrium des sowjetischen Kellergefängnisses führen, das einzig und allein das Ziel hatte, Menschen zu brechen mit physischer und seelischer Folter. Für einige der Vorhof zur Erschießung, meist in Moskau, für andere der Vorgeschmack auf Straflager in Deutschland (auch in ehemaligen KZs) und Sibirien und lange ungewisse Haftstrafen, für die Angehörigen jahrelang einfach verschwunden.

Kurzer Blick in den Himmel -Hofgang i im Sowjetgefängnis
Kurzer Blick in den Himmel – Hofgang im Sowjetgefängnis

Durch das Stasi-Gefängnis führt eine Art interaktives Hörspiel, das mit der eigenen Verhaftung beginnt aufgrund der Tatsache, dass man behauptet hätte, die DDR habe aufgehört zu existieren. Durch den menschenverachtenden Alltag in den Zellen und im Hof führt einen ein Gefängniswächter, der einem Anweisungen gibt, durch das Gefängnis führt. Während des Hofgangs sprechen einen heimlich Mitgefangene an, wem kann man hier noch trauen, wer ist Spitzel und wer nicht? Es wird immer deutlicher, wie auch hier Menschen und deren Familien systematisch gebrochen wurden, um sie mit Schlafentzug, Ungewissheit, Verleumdung, gesellschaftlicher Ächtung und nächtelangen Verhören gefügig zu machen und Exempel zu statuieren, nicht wenige Menschen wurden in den Suizid getrieben oder verrückt. Nichts davon wirkt übertrieben oder reißerisch, sondern eigentlich ziemlich logisch in dieser verkehrten Welt. Es endet mit der friedlichen Revolution 1989 und der Besetzung der Stasizentrale durch Demonstranten, für uns also ein Happy End, für viele andere damals bis heute ein lange währender, manchmal nie endender Albtraum. Durch den persönlichen Zugang zum Thema ergibt sich viel Gesprächsstoff und gemeinsames Nachdenken, auch als wir schon lange auf dem Weg ins Elbsandsteingebirge sind, um dort am Nachmittag eine kleine Wanderung über die Schrammsteine zu machen.

Wanderung zum Schrammstein

Wir parken kurz oberhalb der Schrammsteinbaude im Zahnsgrund und wandern auf alten Pfaden über die Stiegen und Steige der Schrammsteinklippen. Mit den Kindern waren wir schon einmal vor gefühlten Ewigkeiten hier, vor sechs Jahren, um genau zu sein. Die Landschaft ist nach wie vor unverändert gigantisch. Der Blick ist aber ein anderer. Unsere Kinder sind schon längst keine Kinder mehr. Die Felsen hier locken für ein nächstes Mal, dann vielleicht zum Sport-Klettern. Bei den Affensteinen umrunden wir die Schrammsteinklippen und kehren auf der Nordseite wieder zurück entlang an Klippen, die magisch zwischen den Bäumen aufragen, man könnte sich Wölfe vorstellen, die auf den Gipfeln heulen. Wildnis halt. Abends bummeln wir noch ein wenig durchs Viertel und finden ein indisches Restaurant für den kleinen Geldbeutel und mit ziemlich gutem Essen. Guter Schlaf ist nach diesem Tag garantiert.

Wanderung zum Schrammstein
Wanderung zum Schrammstein

Das bunte Leben der Neustadt mit street art-Führung

Heute treffen wir uns zu einer Street Art Führung in einer kleinen Gruppe durch die Unterneustadt. Vorher haben wir noch opulent im Loyd’s gefrühstückt. Unser Street Art Spezialist ist ein Unikat von seiner Art her und ganz ein (sozialistisches) Kind der DDR, ein Perspektivwechsel allemal, auch wenn wir politisch – gerade nach unserem gestrigen Besuch in der Gedenkstätte – nicht so einfach zusammenkommen könnten. Aber das ist ja auch nicht unser Vorhaben. Wir wollen die Neustadt neu erkunden und mit neuer Perspektive entdecken. Und das tun wir und sind begeistert. Kritische Themen der Gentrifizierung in diesem angesagten Viertel werden nicht ausgespart. Es ist ein Genuss für die Sinne, dieses links-alternative Viertel neu zu sehen, auf kleine und große Kunstwerke zu stoßen, auf die Wucht links-alternativer Kultur und auf das älteste Graffiti Dresdens:

Dresdens ältestes GraffitEin Aufruf zur Wahl der SPD aus den 1930ern, das bei Sanierungsarbeiten wieder freigelegt wurde. Natürlich darf die Kunsthofpassage nicht fehlen und man mag es glauben oder nicht, wir stoßen auf Spiderman nach Dresdner Art. Wenn ich noch einmal studieren würde, wäre Dresden bestimmt eine tolle Wahl. Auffallend ist immer wieder, dass so viele junge Familien mit Kindern draußen unterwegs sind. Dresden alleine weist schon eine hohe Geburtenrate auf und innerhalb Dresdens ist es besonders die Neustadt. Für uns macht Dresden den Eindruck einer sich immer wieder neu erfindenden und selbst verjüngenden alten Kulturstadt, wobei die Kultur wieder so vielfältig ist, dass es Dresdens Kultur nicht gerecht wird, sie mit dem Zwinger und Co. gleichzusetzen.

Street Art
Street Art im Dresdner Szeneviertel
Street Art in Dresden
Bunt und mit Ansage
Spiderman-Live in der Kunsthofpassage
Spiderman-Live in der Kunsthofpassage

Tief beeindruckt und kreativ beseelt tingeln wir nach den Street Art Eindrücken noch ein wenig auf eigene Faust durch die Gegend, essen in einem Kulturzentrum und treten dann am Nachmittag die Heimfahrt an. Dresden hat’s uns angetan.

Irgendwo beim Bummeln
Dresden, du hast es uns angetan…..!

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