Norwegen – Wanderung zum Preikestolen – lohnt es sich ??

Eine der Topwanderungen im Süden Norwegens ist die Wanderung zum Preikestolen in der Region Rogaland unweit der Stadt Stavanger.

Nachdem wir zu Beginn unserer Reise in Norwegen ein wenig Pech mit dem Wetter hatten, öffnet sich in der Schlechtwetterphase, in der wir uns gerade befinden, ein klitzekleines Zeitfenster für die Begehung der beliebtesten Wanderung in Südnorwegen – die Tour zum Preikestolen.

Der Traum eines jeden Norwegenreisenden – solch ein Bild auf dem Preikestolen

Der Preikestolen – ein felsgewordener Traum

Der Preikestolen im Lysefjord

Der Preikestolen ist ein markanter Felsen, der in einer fast quadratischen Form aus dem Bergmassiv der umliegenden Gebirgskette heraustritt. Vom flachen Plateau auf dem Felsen bis zum Wasser des Lysefjords besteht ein Höhenunterschied von 600 Metern. Die Felswände fallen von der Plateaukante fast senkrecht in die Tiefe, was dem Preikestolen ein spektakuläres Aussehen verleiht. Man kann behaupten, dass der markante Preikestolen in keiner Reisebroschüre über Norwegen fehlt, und sicherlich jeder Norwegenreisende hat ihn schon einmal in irgendeinem Flyer bestaunt.

So auch wir, weshalb die Wanderung zum wohl bekanntesten Berg Norwegens auf dieser Reise (2020) auf jeden Fall auf dem Plan stand. Wenn da nur nicht das verflixt schlechte Wetter wäre. In den ersten Tagen unseres Norwegenaufenthalts hatte es fast ununterbrochen geregnet. So mussten wir das Setesdal unbewandert hinter uns lassen und auch die Wanderung zum Kjerag, wie der Preikestolen ebenfalls im Lysefjord gelegen, fiel buchstäblich ins Wasser.

Das Wetter und die Tageszeit sind entscheidend!

Es ist Donnerstagabend und wir sitzen wieder einmal leidlich trocken aber frierend auf dem Campingplatz. Dieser ist der nächstgelegene an der Staatsstraße zum Preikestolen und somit – trotz des schlechten Wetters – gut gefüllt. Den ganzen Tag regnete es, unterbrochen von ein paar wenige Stunden Trockenheit, zumindest von oben. Die Umgebung sowie auch der Campingplatz sind nach den wochenlangen Regenfällen nicht mehr trocken. Um ehrlich zu sein war es schon sehr schwierig auf dem Platz einen Untergrund zu finden, der nicht überflutet ist. Viele Campingmobile wirken wie Kreuzfahrtschiffe in den Fjorden, nur dass diese hier in kleinen Seenlandschaften kreuzen. Und Zeltreisende, wie wir es sind, haben es noch schwerer einen trockenen Platz zu finden, da die Wiesen kleinen Feuchtbiotopen gleichen.

Schon seit ein paar Tagen studieren wir fast stündlich die Wettervorhersage. Morgen, ein Freitag, soll der erste und einzige regenfrei Tag dieser Woche werden. Wir schauen kritisch aus dem Autofenster in die trübe und regnerische Umgebung. Also, ich glaube ja noch nicht so recht daran, aber vielleicht haben wir Glück.

Wohl wissend, dass die Wanderung zum Preikestolen das Touristenhighlight Südnorwegens ist, planen wir einen sehr frühen Aufstieg zum Felsen. Wer erst nach einem gemütlichen Frühstück gegen neun oder zehn Uhr startet, muss den Wanderweg mit sehr, sehr vielen anderen Wanderern teilen. Wir wurden schon im Setesdal daraufhin gewiesen, dass entweder ein sehr früher oder ein sehr später Aufstieg (zweiteres mit Übernachtung auf dem Gipfel) nötig sei, um den Menschenmassen einigermaßen entgehen zu können.

So müssen unsere Jugendlichen morgen früh sehr, sehr stark sein, da wir sie zu einer Zeit wecken müssen, in der sie üblicherweise erst ins Bett gehen. Na ja, zumindest nicht viel früher.

Der Wecker klingelt gegen 5 Uhr in einer zaghaften Lautstärke. Wir möchten ja nicht den halben Campingplatz wecken. Erschrocken stellen wir jedoch fest, dass zumindest schon ein Viertel der Gäste ebenfalls im Aufbruch begriffen sind. Der Zeltabbau und das Einpacken der Ausrüstung dauert seine Zeit, sodass nach all dem und einem kargen Frühstück im Stehen schon fast eine Stunde vergangen sind. Kurz vor sechs fahren wir zum etwa 4 Kilometer entfernten Parkplatz. Der riesige Platz ist um diese Uhrzeit keineswegs leer, aber parken in der pole position noch gut möglich. Die Parkgebühr bemisst sich auf umgerechnet 25 € (Stand 2020). Ein stattlicher Preis, aber hier in Norwegen nicht ungewöhnlich hoch. Es geht wohl noch teurer, wie uns berichtet wurde.

Früher Morgen beim Aufstieg zum Preikestolen

Gegen halb sieben sind wir startklar. Fast schon zu spät, wie wir feststellen, denn alleine sind wir beim Aufstieg keineswegs, auch wenn sich die Zahl der Mitwanderer noch in einem erträglichen Rahmen hält.

Die Wanderung zum Preikestolen ist kein Sonntagsspaziergang!

Eine flachere Passage auf dem Wanderweg

Gleich zu Beginn zeigt der Wanderweg seine Zähne. Es geht recht steil nach oben, und das in wellenförmigen Abschnitten mal mehr und mal weniger. Zu begehen ist der Wanderweg auf den Preikestolen in seiner Gesamtheit allerdings sehr gut. Flache Abschnitte wechseln sich ab mit steilen Passagen, die aber fast wie Treppenstufen angelegt sind, und daher einem trainierten Wanderer keine großen Schwierigkeiten bereiten. Anstrengend ist es trotzdem, vor allem angesichts der Tageszeit, zu der ich mich eigentlich im Schlafsack noch einmal umdrehe. Dafür genieße ich beim Aufstieg den beginnenden Tag mit seinem klaren Licht und den Nebelschwaden, die sich im Sonnenschein – ja richtig gelesen – Sonnenschein langsam auflösen. Es ist heute wirklich ein fast wolkenfreier Morgen. Freudige Begeisterung macht sich in mir breit.

Der Wanderweg zum Preikestolen überwindet laut offizieller Website auf ca. 4 Kilometern einen Höhenunterschied von 480 Metern. Das bedeutet pro Kilometer mehr als 100 Höhenmeter nach oben bzw. unten. Wenn man sich das einmal vor Augen hält, weiß man schon im Vorfeld, dass es viele steile und anstrengende Passagen geben muss. So sei gesagt, dass die Wanderung zum Preikestolen wahrlich kein Sonntagsspaziergang ist, mit guten Schuhen und Stöcken aber kein Problem darstellt. Meine Einschätzung der Schwierigkeit des Weges bezieht sich auf die Gegebenheiten, die bei unserem Aufstieg vorherrschen, also trockenem Untergrund und regenfrei. Bei schlechten Wetterverhältnissen würde ich diese Wanderung als eher schwer einstufen.

Umso erstaunter, ja geradezu entsetzt, sind wir über die vielen Mitwanderer, die mit teilweise völlig falschem Schuhwerk oder falscher Kleidung die Wanderung angehen. Gerade die Spezies der – ich nenne sie zum besseren Verständnis einmal  –  „Ausflugstouristen“ unterschätzen diese Wanderung in unverantwortlicher Weise vollkommen. Nicht umsonst sind täglich mehrere Rettungshubschrauber im Einsatz.

Für den Aufstieg benötigen wir knapp zwei Stunden und sind oben angekommen um mehrere Liter Flüssigkeit (Schweiß) leichter. Es ist kurz nach acht. Die beste Zeit für einen Kaffee. Schon um diese Uhrzeit tummeln sich viele auf dem Felsplateau. Alleine ist man auch um diese frühmorgendliche Stunde nicht. Die Nebelschwaden um den Felsen lichten sich allmählich und im strahlenden Sonnenschein öffnet sich der Blick über den Lysefjord. Es ist einfach nur fantastisch.

Die letzten Nebelschwaden um den Preikestolen…..
…..verziehen sich in den Lysefjord

Eine weitere kurze Kletterpartie ist nötig, wenn man das Plateau des Preikestolen selbst fotografieren möchte. Dieser Weg ist rot markiert, weit weniger anstrengend und bis zu den Aussichtspunkten ungefährlich. Trotzdem ermahne ich meine Jugendlichen wiederholt zur Vorsicht. Mutter eben! Mein höhenängstlicher Mann verbringt sowieso die gesamte Zeit schlotternd am Rande des Preikestolen und bewegt sich während unseres Aufenthalts keinen Millimeter mehr.

Erst gegen 11 Uhr verlassen wir das Gebiet um den Preikestolen und sind wirklich entsetzt wie viele Menschen sich jetzt hinaufquälen. Es sind wahre Menschenmassen, die sich in einer langen Schlange dicht an dicht hinaufdrängen. Social distancing sieht anders aus. Dafür sind es recht wenige, die um diese Zeit den Abstieg antreten. Zu den Frühbegehern gesellen sich noch die Wanderer, welche hier oben übernachtet haben. Direkt auf und dem näheren Gebiet um den Preikestolen ist das Wildzelten verboten. Im weiteren Umkreis findet man jedoch sicher einen schönen Schlafplatz in dieser herrlichen Natur (Bitte, bitte keinen Müll hinterlassen!)

Unser Fazit zur Wanderung auf den Preikestolen

Der Preikestolen gehört bei Norwegenbesuchern mittlerweile zum Pflichtprogramm, egal ob dies erprobte und verantwortungsbewusste Wanderer sind oder nicht, und genau da sehe ich das Problem. Ausflugstouristen aller Couleur drängen in diese unglaublich schöne Natur und suchen den ultimativen K(l)ick in Form eines spektakulären Fotos auf dem Felsplateau. Abgesehen von der Sicherheit, die vielfach durch Selbstüberschätzung gefährdet ist, leidet die Natur um den Preikestolen unter den Touristenmassen. Ein sichtbares Zeichen dafür sind Müll und Fäkalien. Ein Einheimischer erzählte uns, dass es früher viel schwerer war den Preikestolen zu erreichen, die verantwortlichen Behörden jedoch haben den Aufstieg durch Veränderungen in der Natur (das Anlegen von Treppenstufen im Fels) auch für weniger geübte Wanderer ermöglicht. Wie das zu bewerten ist, darüber lässt sich streiten.

Unumstritten ist eine Wanderung zum Preikestolen ein Erlebnis, sowohl für ältere noch fitte Wanderer wie auch für Familien mit Kindern. Der Weg ist phasenweise beschwerlich, aber mit viel Zeit auch mit kleineren Kindern durchaus machbar. Auf die Absturzgefahr brauche ich ja nicht mehr hinzuweisen. Man sehe sich dazu die Bilder an.

Wir sind weniger mutig als viele andere
wollen aber dennoch einmal aus dieser Höhe in den Lysefjord schauen

Wir können nur empfehlen eine Wanderung zum Preikestolen sehr früh am Tag zu beginnen, oder aber am späten Nachmittag mit einer Zeltübernachtung auf dem Berg. Bei schlechtem Wetter würde ich viel mehr Zeit als angegeben einplanen, und bei richtig schlechtem Wetter (Wind + starker Regen) sehe ich eine Wanderung zum Preikestolen kritisch. Aber darüber informiert man sich besser vor Ort in den Touristenzentren.

Die wunderschöne Natur um den Preikestolen leidet unter den Touristenmassen

Sehen wir den Preikestolen auch nach unserer Wanderung noch als Pflichtprogramm für Norwegenreisende? Eine klare Empfehlung für eine Erstbegehung kann ich wirklich nicht aussprechen. Natürlich ist die Natur um das Gebiet wunderschön und sehenswert, aber aus Sicht eines Wanderers und Naturfreundes gibt es sicherlich auch andere Wanderungen, die ähnlich schöne Ausblicke bieten. Ich denke, es würde der Natur um den Preikestolen gut tun, wenn viele Menschen auf diese Wanderung verzichten würden. Als eine gute Alternative sehe ich die Bootsfahren, welche im Lysefjord zum Preikestolen angeboten werden, für Menschen die eigentlich weniger am Wandern und der Natur interessiert sind, sondern mehr am ultimativen Bild für ihr Instagramprofil.

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