Norwegen – mehrtägige Trekkingtour in der Hardangervidda mit Jugendlichen

Nach unserem dritten Tag in der Hardangervidda wollen wir es endlich wissen. Die Wetteraussichten für die nächsten Tage sind vielversprechend (was sich in der Hardangervidda natürlich sehr schnell ändern kann), und wir bereiten uns auf eine mehrtägige Trekkingtour vor. Selbstverständlich sind wir für einen Wetterumschwung gerüstet und können die Tour auch verkürzen, falls das nötig wäre. Wir beziehen alle möglichen Eventualitäten in unsere Planung mit ein. Natürlich haben wir schon häufiger eine mehrtägige Wanderung mit unseren Jugendlichen unternommen, aber diese ist die erste, welche größere herausfordernde Bedingungen bereithält. Sonnenverwöhnte südliche Gefilde oder ausgetretene heimische Wanderwege lassen sich auf keinen Fall mit der rauen und unberechenbaren Wildnis der arktischen Hardangervidda vergleichen. Auch wenn das größte Hochplateau Europas einerseits für Wanderer gut erschlossen scheint, so bleibt es für solche, die eher gemäßigte mitteleuropäische Wanderwege gewohnt sind, eine unbekannte Herausforderung. Im Prinzip sind die Wanderwege auf der Hardangervidda alle sehr gut markiert, sodass keine größere Gefahr durch mögliches Abkommen vom Weg zu erwarten ist. Dennoch gibt es einige Risiken, die man als Wanderer nicht unterschätzen sollte.

Auf einer Touristenroute durch die Hardangervidda

Die Hardangervidda – ein herausforderndes Wandergebiet

Plötzliche Wetterumschwünge sind auf der Hardangervidda keine Seltenheit. Mit starken Winden, eisiger Kälte und sogar Schneefällen muss man selbst im Hochsommer rechnen. Regenfälle können ebenso schnell aufziehen und heftig ausfallen. Hierbei besteht die Gefahr, dass kleine Bachläufe sehr schnell zu größeren Hindernissen werden. Ausgetretene Pfade entwickeln sich dann schnell zu schlammigen Rutschbahnen, und felsige Passagen, die mit Moosen und Flechten bewachsen sind, können gefährlich glitschig werden. Auch Altschneefelder, die es selbst im Hochsommer auf der Hardangervidda immer gibt, stellen ein erhöhtes Unfallrisiko dar. Daneben müssen immer wieder auch kleinere Flüsse gequert werden, was eine gewisse Erfahrung benötigt. Zwar wurden die meisten größeren Ströme in der Hardangervidda durch Brücken entschärft, wenn es aber, wie in diesem Jahr (2020), zu längeren Regenperioden kommt, können auch kleinere Flüsse ein nicht unerhebliches Hindernis darstellen. Wir sind jedenfalls schon einmal vorgewarnt und auf alle diese Gefahren vorbereitet.

Altschneefelder sind keine Seltenheit in der Hardangervidda

Wir haben uns für diese erste längere Trekkingtour eine mittelschwere Wanderroute ausgesucht, und diese über die Internetseite des Norwegischen Wanderverbandes ut.no (eine hervorragende Seite übrigens!) heruntergeladen. Hier der Link zur Tour.

Die Informationen zur Tour sind ein wenig zwiespältig, da sie auf der einen Seite als „anspruchsvoll“ betitelt wird, auf der anderen Seite jedoch als „familienfreundlich“ und „für Kinder und weniger erfahrene Erwachsene“ bezeichnet wird. Vielleicht liegt diese Diskrepanz aber auch an der ungenauen Übersetzung. Wir lassen uns einfach einmal überraschen.

Rundtour via – Dyranut – Kjeldebu – Kjækkja – Halne – Nybu –  Dyranut 58 km

Die Rundtour durch die Hardangervidda beginnt entweder in Dyranut (Touristenzentrum) oder im östlich gelegenen Halne (ebenfalls ein Touristenzentrum mit Gaststätte und Hotel) an der Staatsstraße 7. Diese Straße quert die Hardangervidda von West nach Ost. Neben diesen beiden Fjellstationen kommt man auf dieser knapp 60 Kilometer langen Tour an noch zwei weiteren Touristenhütten (mit Übernachtungsmöglichkeit) vorbei. Diese beiden sind Kjækkja und Kjeldebu, und befinden sich beide im nördlichen Teil der Tour. Vielleicht wird die Trekkingtour deshalb als einfach bewertet, weil die Entfernungen zwischen den Hütten relativ gering sind. Lediglich auf dem südlichen Teil der Tour ist die Entfernung von einer Hütte zur nächsten mit 18 Kilometer deutlich länger. Prinzipiell könnte man die Trekkingtour vereinfachen, indem man – was gefühlt fast alle Norweger machen – von Hütte zu Hütte läuft. Das setzt jedoch aktuell (2020) eine vorab getätigte Buchung voraus. In „normalen“ Jahren (wurde uns erklärt) kann man die Fjellhütten auch ohne Reservierung aufsuchen und sich somit zumindest das Zelt sparen. Unter dieser Voraussetzung lässt es sich viel entspannter wandern und die Trekkingtour ist auch mit Kindern besser durchführbar. Die gesamte Trekkingtour von 58 Kilometern wird für Familien mit Kindern für 4 Tage vorgeschlagen. Diese Einschätzung sehe ich als realistisch an, denn so einfach wie die Tour im Internet beschrieben wird, ist sie nicht. Doch nun zu unserer Trekkingtour, für die wir mit unseren großen „Kindern“ 2 ½ Tage benötigt haben.

Wir haben für 3 Tage (+Notproviant) alles dabei

Aller Anfang ist schwer, oder was die Hardangervidda uns lehrt

Wir starten in Dyranut, einer Fjellstation an der Staatsstraße 7. Auf einem Hügel gegenüber der Fjellstation steht ein übergroßer Troll und wacht über die Region. Nach einem obligatorischen Fotoshooting ziehen wir Richtung Norden los. Das Wetter ist heute wieder einmal nicht abschätzbar. Dicke, schwere Wolken ziehen über das Fjell und dazwischen bahnt sich hin und wieder die Sonne ihren Weg durch die Ritzen. Zunächst steigt der Weg leicht an, bleibt aber auf den ersten 5 Kilometern relativ flach. Gleich zu Beginn wird uns klar, dass wir nicht so zügig vorankommen werden wie gedacht.

Nur selten werden Wege durch Bolen begehbar gemacht

Der Weg ist zwar relativ gut zu erkennen, doch durch die häufigen Regenfälle der letzten Wochen sehr matschig, an einigen Stellen sogar richtig sumpfig. Ständig müssen wir in einem großen Bogen den schlammigsten Stellen ausweichen, was natürlich sehr viel Zeit kostet. Eine weitere Erschwernis sind die Schneefelder des letzten Winters. Im letzten Jahr (so erzählte man uns) gab es in der Hardangervidda einen schneereichen Winter und die bisher kurze und viel zu feuchte sowie kalte Sommersaison konnte diese Schneemassen vielerorts nicht gänzlich tauen. Das ist zwar in jedem Jahr der Fall, aber in diesem Jahr erschweren besonders häufig Altschneefelder das Wandern. Zu allem Überfluss fängt es nach wenigen Kilometern an zu regnen, und wirklich warm ist es auch nicht.

Wechselhaftes Wetter bestimmt den ersten Wandertag

 

Die Landschaft dagegen verzaubert. Die raue Natur der Hardangervidda zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Nach fünf Kilometern fällt der Weg steil hinab ins Tal und offenbart einen Blick in atemberaubende, unendlich weite Landschaften, sodass es mir wirklich schwer fällt mich auf den steinigen Weg zu konzentrieren. Als hätte der Wettergott ein einsehen mit uns, so beschenkt er uns genau in diesem Moment mit strahlendem Sonnenschein. Das Wetter ist heute sprichwörtlich im Wechsel himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt.

Ins Tal Richtung Kjeldebu
Bilderbuch-Hardangervidda

Nach knapp 10 Kilometern erreicht man die Fjellstation Kjeldebu. Zuvor gibt es schon die erste Flussquerung, die aber noch einfach und ohne anschließend nassen Schuhwerk möglich ist.

An der Hütte machen wir eine kurze Rast. Jetzt scheint die Sonne vom fast wolkenlosen Himmel und offenbart ein nächstes Problem – Mücken. Die Stechfliegen sind hier so zahlreich und aggressiv, dass es trotz gutem Repellent unglaublich anstrengend ist.

Kurz vor Kjeldebu

Bei Kjeldebu queren wir eine Brücke und laufen ab jetzt ostwärts. Nun steigt der Weg über zehn Kilometer stetig an. Seine „Konsistenz“ bleibt jedoch gleich. Es fühlt sich an, als würde man mit jedem zweiten Schritt in einen weichen, feuchten Kuchenteig steigen, der aber eher wie ein Kuhfladen aussieht. Das Ausweichen der besonders überfluteten Stellen nimmt unheimlich viel Zeit in Anspruch und trotzdem sind unsere Schuhe mittlerweile nicht mehr trocken. Das können sie auf diesem Abschnitt zwischen Kjeldebu und Kjækkja auch gar nicht bleiben, da hier zweimal ein größerer Fluss gequert werden muss. Es sind keine kritischen Querungen, aber eine geeignete Stelle zu finden erweist sich ebenfalls als äußerst zeitintensiv. Mit komplett durchnässten Schuhen weiter zu wandern ist nicht nur für unsere Kids eine ganz neue Erfahrung, aber ich denke, sie wird prägen. (Als kleine Trekker-Weisheit für alle die sich fragen: „Warum habt ihre eure Schuhe nicht ausgezogen?“ – Man quert ein steiniges Flussbett nicht ohne Schuhe, und mit Schlappen schon gar nicht.)

Zahlreiche Sommerbrücken entschärfen in der Hardangervidda die Flüsse

Je länger der Tag wird, umso schlimmer werden die Mücken. Selbst während dem Laufen attackieren sie uns so sehr, dass wir wie Gehetzte durch die Landschaft stolpern. Irgendwann sind wir so genervt davon, dass wir schließlich schneller ein Nachtlager suchen als geplant. Fast verzweifelt versuchen wir in höhere Gefilde zu gelangen, wo der Wind sie einigermaßen in Schach halten könnte. Doch leider ist es heute fast windstill, was die Plagegeister schier unerträglich werden lässt. Ziemlich genervt und völlig erschöpft beenden wir den ersten Tag nach noch nicht einmal 20 Kilometern.

Übernachten in der Wildnis ist immer noch am Schönsten

Ein neuer Tag, ein neues Glück

Am nächsten Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Die Nacht in der Wildnis war unglaublich ruhig und meine Tochter behauptet, zum ersten Mal in diesem Urlaub sehr gut geschlafen zu haben. Das lag sicher auch am sehr weichen Untergrund. Unser Zelt stand auf einem zarten „Kissen“ aus weichstem Moos. Heute Morgen ist es ungemütlich kalt, was die lästigen Mücken offenbar nicht so knorke finden und lieber in ihrem Untergrund bleiben. Uns freut‘s!

Trotz des mäßig guten Wetters heute, ist die Landschaft wieder einmal grandios. Nach einem etwas schwierigen Anstieg mit einigen kleinen Schneefeldern gespickt, erreichen wir den höchsten Punkt der Tour auf 1.300 Meter, und plötzlich ist er da, der Wind. Den hätten wir gestern Abend gut gebrauchen können. Der Ausblick auf den See Storekrækkja und die gleichnamige Fjellstation sind trotz des mäßig guten Wetters überwältigend. Wir verlassen nun wieder die Höhe, lassen jedoch die im Tal liegende Fjellstation links liegen und wandern Richtung Süden der Staatsstraße 7 entgegen. Der Wanderweg wird hier wieder merklich besser und der Untergrund trockener, was uns ehrlich gesagt erstaunt. Die vier Kilometer bis Halne sind unter diesen Umständen schnell zurückgelegt.

Aufstieg zum höchsten Punkt der Tour

Von Halne aus wird das Terrain merklich flacher und einfacher zu begehen. Auch das Wetter kommt uns heute sehr entgegen. Die kühleren Temperaturen und eine leichte Brise halten uns die ungeliebten Stechmücken vom Leib, und trotz der dichten Wolkenberge über dem Fjell bleibt es den ganzen Tag trocken. Unter diesen Umständen schaffen wir locker unser Tagespensum, und sogar noch ein bisschen mehr. Wenige Kilometer vor Bjoreidalen beenden wir den Tag und genießen eine zweite himmlisch ruhige Nacht in der Wildnis der Hardangervidda.

Kleinere, unproblematische Flussquerungen, wie diese, gibt es in der Hardanger häufig

Am nächsten Morgen lassen wir uns alle Zeit der Welt. Von unserem Ziel trennen uns schließlich nur noch 8 Kilometer.  Von der Fjellstation Bjoreidalen führt der Weg zunächst entlang der Flüsse Svinto und Bjoreio nach Nybu. Ab hier geht es auf drei Kilometern über einen letzten Berg nach Norden zur Fjellstation Dyranut.

Fazit unserer mehrtägigen Trekkingtour in der Hardangervidda

Mehrtägiges Trekking in der rauen Wildnis der Hardangervidda – diesen Traum haben wir uns endlich erfüllt (Zumindest die Erwachsenen träumten davon.) Was nehmen wir aus dieser kurzen, aber einprägsamen, Erfahrung mit.

Zunächst einmal ist es mit Jugendlichen überhaupt kein Problem eine solche Trekkingtour zu unternehmen. Ob sie ihnen im Nachhinein gefallen hat, das steht auf einem anderen Blatt. 😉 Da dies nicht unsere erste mehrtägige Trekkingtour war, wussten die Jugendlichen zumindest auf was sie sich einlassen. Mit Kindern jüngeren Alters würde ich eine solche Trekkingtour mit Übernachtung in den Fjellhütten empfehlen. Diese heben den Komfort der Tour enorm und man spart sich zumindest das Zelt (meist auch die Isomatte, wenn man ein Bett reserviert). Wie die Regularien eines Hüttenbesuches sind, darüber informiert der norwegische Wanderverband auf der offiziellen Internetseite ut.no.

Wandern mit Jugendlichen kann auch Spaß machen – manchmal

Zum Wandergebiet sei gesagt, dass die Hardangervidda nicht die Lüneburger Heide ist. Durch ihre nördliche Lage und ihre Höhe von durchschnittlich 1.000 Meter und mehr gilt die Hardangervidda als arktisch, was sowohl das Klima, als auch die Vegetation betrifft. Im Jahresverlauf gibt es nur sehr wenige Monate, in denen die Hardangervidda problemlos begangen werden kann. Die Wandersaison in der Hardangervidda beginnt eigentlich erst mit dem Aufbau der Sommerbrücken Ende Juni und endet schon gegen Ende September. Ohne die Brücken wird eine Wanderung in der Hardangervidda zu einer anspruchsvollen Trekkingtour mit Expeditionscharakter. Doch nicht nur die zahlreichen Flüsse, mit ihren Furten, sind ein beherrschender Faktor bei einer Wanderung in der Hardangervidda. Altschneefelder und vor allem das Wetter können eine Trekkingtour in der Hardangervidda auch in den Sommermonaten negativ beeinflussen. Im Prinzip muss man zu jeder Zeit mit allem rechnen, was ja auch einen abenteuerlichen Reiz enthält. Aus diesem Grund ist eine gute Vorbereitung die Voraussetzung für das Gelingen einer Trekkingtour in der Hardangervidda. Am besten stellt man sich seine Trekkingtour über die Seite des norwegischen Wanderverbandes zusammen und studiert deren Gegebenheiten. Auch über das Wetter sollte man sich kurz vor der Tour gut informieren und bei schlechten Vorhersagen gar nicht erst starten. Ausdauernde Regenfälle, ein plötzlicher Schneesturm, hartnäckiger Nebel oder ein Temperatursturz können eine eigentlich einfache Tour zu einer schwierigen Tortour werden lassen. Aus diesem Grund ist neben der obligatorischen Regenkleidung warme Wanderkleidung ein absolutes Muss! Dazu gehören lange (Woll-) Unterwäsche, ein dicker Fleecepulover oder -Jacke, Handschuhe, eine warme Mütze und Buff (Schlauchtuch). All das sollte man auch im Sommer auf jeden Fall dabei haben!

Nicht immer ist das Wetter in der Hardanger so schön wie hier

Wie schon gesagt, ist die Hardangervidda nicht mit deutschen Wandergebieten zu vergleichen. Das betrifft vor allem auch die Wege. Die Wanderrouten durch die Hardangervidda sind keine angelegten Wanderwege, die gepflegt und Instand gehalten werden. So sind Geröllfelder und durch Erdrutsche verschüttete Wege jederzeit möglich. Die Natur bleibt Natur und der Wanderer sucht sich seinen Weg. Das macht eine Trekkingtour durch die Hardangervidda zu einer abenteuerlichen Wanderung, die aber ein Vielfaches an Zeit benötigt, als wäre man auf einer gleichlangen Strecke im Schwarzwald unterwegs. Die tägliche Kilometerleistung sollte man diesen Tatsachen anpassen und auf jeden Fall niedriger ansetzten als bei heimischen Touren in Deutschland.

Allen Herausforderungen und Schwierigkeiten zum Trotz ist eine Trekkingtour in der Hardangervidda ein unglaubliches Erlebnis. Zwischen größter Glückseligkeit und tiefster Verzweiflung kann jedes Gefühl auf einer Wanderung durch das grandiose norwegische Fjell dabei sein. Also, wir würden es wieder wagen – das Abenteuer Hardangervidda.

Vielleicht kommen wir einmal wieder – in die Hardangervidda

Kennst du noch weitere Mehrtageswanderungen in der Hardangervidda? Dann freuen wir uns, wenn du diese mit uns teilst.

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weitere spannende Wanderungen findest du auf unserer interaktiven Tourenseite →

 

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