Wandern in Frankreich – der regionale Naturpark Luberon in der Provence

Seitenschlucht Richtung Chantebelle

Ein Reisebericht von Volker Otter

Frankreich war bislang immer ein blinder Fleck in unserem Reiseleben, den wir letzten Herbst nachhaltig korrigiert haben. Wir machen uns auf in den Luberon, in die Provence, nach Apt en Provence, das uns schon gleich für sich eingenommen hat. Etwas touristisch, aber nicht zu sehr, schöne Plätze und ein paar Cafés und Bars, etwas verschlafen und doch lebendig und strategisch gut gelegen für schöne Wanderungen im Luberon, ohne zu lange Zufahrten. Die Landschaft nimmt uns in Beschlag, bevor wir wirklich starten. Die Massive des kleinen und großen Luberons, sowie die Gebirgskette der Monts de Vaucluse nördlich von Apt sind mit bis zu über 1000 Metern Höhe mächtig, aber nicht aufdringlich, sie sind weit und lassen das Auge schweifen und sie sind eigen und manchmal wild, manchmal lieblich, manchmal herb und farbenprächtig. Die Plateaus mit extensiver Land- und Weidewirtschaft wechseln sich ab mit weiten und wilden Strauch-, steinigen Magerwiesen- und Waldflächen, die immer wieder von tief eingeschnittenen Tälern und Schluchten zerschnitten werden.  Später werden wir die lieblich-wilden und zuweilen spektakulär-kargen Felsenlandschaften des Naturparks Les Alpilles genießen unweit der kulturellen Zentren Avignon und Arles.

Gorge d'Opppedette Bilderbuch frankreich
Gorge d’Opppedette – Frankreich oder doch USA ?

Und so starten wir: Das Wetter ist wechselhaft, manchmal noch T-Shirt-warm mit sonnig-sommerlich anmutenden Temperaturen, manchmal etwas Regen, manchmal ziemlich windig und kalt-neblig, für alle Stimmungslagen ist etwas dabei.

Als Kartenmaterial empfehlen wir die französischen IGN Karten im Maßstab 1:25.000, die man in Deutschland über den Buchhandel bestellen, aber auch vor Ort (Tourist Information) günstiger bekommen kann. Digitale und GPS-gestützte Kartenwerke können die Orientierung gut unterstützen. Auch für die kürzeren Touren empfehlen wir festes, Schuhwerk.

Wir starten mit einer sportlichen kurzen Runde von Rustrel um das Grand Montagne (13,3 km / 700 Höhenmeter)

Heute ist in Rustrel ein besonderer Tag, ein Näh-Flohmarkt in der Turnhalle der Grundschule. Da müssen wir hin. Es bringt Spaß, sich unter die Leute ins Gedränge der kleinen Turnhalle zu mischen und zu stöbern, jemand spielt Akkordeon. Wir trinken Kaffee und genießen den Trubel, bevor es für uns losgeht.

Beginn der Wanderung
Beginn der Wanderung durch den Grand Combe

Danach geht es zum Startpunkt oberhalb der Kirche. Durch den Grand Combe und das Vallon de Touras windet sich der geröllige und felsige Pfad steil hinauf. Wir halten uns entlang der östlichen Flanke des Grand Montagne in Richtung des Weilers Les Quintins immer wieder mit schönen Ausblicken auf die andere, steil aufragende Talseite durch manchmal lichten, manchmal dichten Kiefern- und Steineichenwald und dichtes Unterholz. Oben auf dem Plateau öffnet sich die Landschaft zu offenen Weiden, die mit Felsrücken und Bäumen durchzogen sind. Achtung, die Weidetiere werden von Hütehunden bewacht, für uns ein Grund, den über die Weideflächen führenden Pfad zu verlassen und uns querfeldein durch lichtes Gelände zum asphaltierten Feldweg zu bewegen, der auf dem Bergrücken in Richtung Lagarde-d‘Apt verläuft.

Auf dem Bergrücken des Grand Montagne
Auf dem Bergrücken des Grand Montagne

Nach einer Wiese bzw. einem kleinen Anwesen mit dem Flurnamen Le Blaise verlassen wir das Sträßchen und nehmen einen Privatweg, um auf der westlichen Bergflanke auf den gekennzeichneten Wanderweg zu stoßen und durch nebligen Wald mit meterhohem Buchsbaumunterholz wieder nach Rustrel abzusteigen, diesmal mit dem Blick auf die offenen Ockerbrüche Le Colorado in der Abendsonne und die sich sanft erhebende Gebirgsmasse rechts von uns, die sich nördlich des ausgetrockneten Calavon aus der Ebene erhebt. Einfach nur verschwitzt und schön. Auf einem steinigen Acker steht eine alte (Junkers-?) Propellermaschine. Wie die wohl hierherkommt?

Der Rückweg mit Blick auf die Ockerbrüche bei Rustrel
Der Rückweg mit Blick auf die Ockerbrüche bei Rustrel

Unsere kleine Runde bei Sivergue durch die Schlucht des L‘Aigue Brun (9,5 km / 200 Höhenmeter)

Startpunkt ist hier ein Parkplatz mit Picknickgelände (bzw. einem vermutlich halblegalen Wohnmobilstellplatz) ca. 800 Meter westlich der Kreuzung der Straßen D 114 und D 232. Der Wanderweg nach Sivergue ist ausgeschildert und schon bald schaut man in das schöne Tal des L‘Aigue Brun hinein, in dem wir uns in südwestliche Richtung halten: dichter Wald und überhängende Felswände säumen den Weg am Bach. Dort wo der GR 9 auf den Bach trifft, queren wir diesen über eine verwunschene Steinbrücke, steigen ein wenig auf mit großartigen Blicken auf die Felswände und in die Schlucht und biegen dann auf schmalem Pfad ab in eine Seitenschlucht, die uns zu dem kleinen Weiler von Chantebelle, dessen Häuser z.T. in den Felsen hineingebaut sind, führt.

Blick in das Tal des L'Aigue Brun
Blick zurück in das Tal des L’Aigue Brun
Im Schluchtgrund
Im Schluchtgrund des L‘Aigue

Wir umrunden das beschauliche Chantebelle Plateau auf einem Fahrweg und danach auch noch das Plateau direkt südwestlich von Sivergue auf einem Pfad und z.T. querfeldein über wunderschöne, noch blühende Magerrasenflächen, bis wir auf die Fahrstraße nach Sivergue treffen, einem klitzekleinen, schönen Örtchen mit großem Wanderparkplatz. Von hier geht es wieder in die L`Aigue Brun Schlucht zurück und wieder hinauf zu unserem Parkplatz. Wer Lust hat, kann diese kleine Wanderung mit einem Aufenthalt im kleinen kommunalen Café in Buoux (vorher Öffnungszeiten checken!) oder einem Bummel durch das etwas touristischere Dorf Saignon mit seinem Salon de Thé (Chez Christine) kombinieren. Ein entspannter Tag.

Sivergue
Das pittoreske Dörfchen Sivergue

Streifzug durch die Ockerbrüche Le Colorado bei Rustrel (9,5 km /  260 Höhenmeter) mit anschließendem Abstecher zu den Ockerbrüchen bei Roussillon

Blick von der Burganlage Saturmin les Apt Markttage sind was Tolles, insbesondere in Städtchen, die etwas abseits vom Schuss sind, so wie St-Saturmin-les-Apt. Zuerst steigen wir zur Burgruine auf und genießen den Blick zurück auf das Städtchen, das Tal und die umliegenden Höhenzüge in der Morgensonne. Danach geht es nur noch der Nase und den Augen nach: Markttreiben, leckeres Gemüse direkt vom Hof, Kaffee, Honig, Wein, Öl, Kunsthandwerk, leckeres Backwerk. Hier könnte man den Tag schon zufrieden beschließen, wenn da nicht die Ockerbrüche bei Rustrel und Roussillon wären. Wir starten mit dem nahe gelegenen Le Colorado bei Rustrel. Hier wurde lange Zeit Ockerpigment abgebaut. Allein ist man hier nie und trotzdem ist dieser Ort ein wirkliches Highlight. Wir starten in der Morgensonne, folgen den festgelegten Spazierwegen und kommen aus dem Staunen über die Formationen und Farben nicht mehr heraus, Erinnerungen an den Bryce Canyon lassen grüßen. Fantastisch. Nach unserer offiziellen Runde (die Parkwächter achten darauf, dass niemand die Wege verlässt…) biegen wir nach links auf einen kleinen, fast unsichtbaren Pfad am Bachlauf des Doa-Baches ab, verlassen den Park und folgen dem Bachlauf.

Le Colorado bei Rustrel
Le Colorado bei Rustrel

Hinter einem alten Pumpwerk (kleiner Lost Place) mit großen Schwungrädern und Maschinen aus Zeiten des Ockerabbaus mitten im Wald steigen wir steil auf und haben weitere schöne Blicke auf alte, aufgegebene Ockerbrüche. Oben auf dem Plateau zieht sich der Pfad an einem Lavendelfeld entlang. Leider verpassen wir hier unseren Abzweiger zurück ins Tal und merken dies erst sehr spät. Zurück? Och, nee…. Wir finden einen sehr steilen (!!!), ehemals markierten und heute aufgegebenen Pfad, der uns mit abenteuerlicher Kraxelei den steilen Hang hinabführt und landen wieder mittendrin, direkt oberhalb der Abbruchkante der Ockerbrüche im Colorado, gut, dass uns kein Parkwächter erwischt. Hier vollenden wir unsere ockerfarbene Runde und kommen wieder sofort ins Staunen. Eine tolle Abenteuertour in der Provence.

Ockerbruch bei Roussillon
Ockerbruch bei Roussillon

Und da heute Ockertag ist, fahren wir weiter nach Roussillon, einem schönen, touristischen Städtchen. Und auch hier ist man in den Ockerbrüchen nicht allein und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Die Farben und die Formationen sind hier noch einmal anders als bei Rustrel, zu schade, wenn wir dies ausgelassen hätten. Auf der Rückfahrt durch die Abendsonne lassen wir uns bei geöffneten Fenstern den Fahrtwind zufrieden um die Nase wehen.

Farbimpression im Ockerbruch Roussillon
Farbimpression im Ockerbruch Roussillon

Die Gorge d’Oppedette Schlucht – eine alpine Kletterpassage mit Kletterhilfen (6 km / 280 Höhenmeter)

Abstieg in die SchluchtDas Wetter weiß heute nicht so recht, was es will, nicht wirklich kalt, nicht wirklich warm, ein wenig windig, ein paar Regentropfen, dunkle Wolken, ab nachmittags sind zunehmende Schauer angesagt. Also heute eine kleine Tour, die es aber in sich hat: die Oppedette-Schlucht. Wir starten am Wanderparkplatz am südlichen Schluchteneingang, am Pont du Grand Vallat. Wir folgen über scharffelsigen Untergrund dem Pfad am westlichen Schluchtenrand. Schöne Blicke tun sich auf, aber wehe, man schaut nicht auf den Pfad, Stolpern wäre garantiert, festes Schuhwerk ist ein Muss. Immer wieder staunen wir über die für uns fremde Flora, Steineiche, Flaumeiche, Terpentin-Pistazie und noch vieles mehr. Nach ca. 2,5 Kilometern entscheiden wir uns für den alpinen und steilen Abstieg in die Schlucht mit eingeschlagenen Tritten und Stahlseilen als Kletterhilfen. Unten erwartet uns eine andere Welt, Windstille, abgerundete Felsen und Tobel im fast ausgetrockneten Bachbett, dichte Vegetation, alte Eichen, die sich an die überhängenden Felswände schmiegen, hier verweilen wir ein wenig und erkunden den Schluchtengrund, bevor es auf schmalen Pfaden, zum Anfang noch mit Steighilfen und dann in Serpentinen hinauf aufs Plateau geht und dort auf der anderen Seite am Rand der Schlucht über felsigen Grund und lichten Wald mit einem Rendezvous mit einer wunderschönen (harmlosen) Treppennatter zurück zum Parkplatz. Wir ziehen unser Tempo an, der Regen sitzt uns im Nacken. Gerade am Auto, da fallen die ersten Tropfen. Geschafft. Beeindruckend, wirklich!

Im Schluchtengrund
Im Grund der Schlucht Gorge d’Oppedette

Besuch der Bergdörfer Viens, St. Martin de Castillon und Caseneuve

Wir haben noch Zeit, also schauen wir bei aufkommendem Regen in den Bergdörfern Viens, St. Martin de Castillon und Caseneuve vorbei, alte Dörfer mit engen Gassen, auf Bergkuppen gelegen, hier und da eine kleine Bar, ein Tabac, in dem man alles bekommt, was man benötigt: Lebensmittel, Wein, einen Plausch mit der Verkäuferin, einen heißen Kaffee, Käse, Backwaren und sogar einen Waschsalonservice aus drei Waschmaschinen, die alle laufen.

Runde um den Mourre Nègre (1.125 Meter) im Grand Luberon (12 km / 780 Höhemeter)

Morgen wechseln wir unseren Standort, also müssen wir noch einmal in den Grand Luberon, den Namensgeber unseres Naturparks, auch wenn der Kamm in den Wolken hängt. Wir starten im Dörfchen Auribeau am Wanderparkplatz und steigen auf einem gerölligen, ausgewaschenen Bergpfad durch neblig-feuchten Bergwald steil auf, je höher, desto nebliger.

auf dem Kamm
Auf dem nebligen Kamm des Mourre Nègre

Wir hören weitab jeder Siedlung einen Hund lange und andauernd bellen, heulen und winseln und denken sofort an die wilden, freilaufenden Hütehunde. Unterhalb des Kammbereichs lichtet sich der Wald, magere, steinige Wiesen und einzelne Bäume zeigen sich schemenhaft, der Wind pfeift böig. Oben am Turm kreischt er in den Stahlseilen. Fast wird es schwierig, sich im Nebel zu orientieren. Höchste Zeit jetzt für die Regenjacken, alles klitschnass hier oben. Der Wind peitscht Nebelschwaden über den Kamm, dem wir nach Osten über karge und geröllige Wiesenflächen folgen. Unser Abzweiger ca. 200 Meter westlich vom Vallon de Choix ist nicht ausgeschildert (oder wir sehen das Schild im Nebel nicht) und zunächst nur schwer zu erahnen im Nebel. Unterhalb des Kamms im Wald beruhigt sich die Lage. Über einen schmalen Pfad steigen wir durch geheimnisvoll nebeldurchzogenen, herbstlich gefärbten Bergwald ab. Heute sind wir über digitale und GPS basierte Orientierungshilfen dankbar, denn wir verlassen den markierten Weg und folgen kleinen wilden, nicht ausgeschilderten Pfaden durch das Ravin de Suif und das Combe des Peyssons und dann weiter im Tal des Ruisseau de Marauviere   an Castellet en Luberon vorbei und weiter den Bachlauf hinauf nach Auribeau zurück. Auf diesen Pfaden könnte man glatt verloren gehen oder auf wilde Hunde treffen, gar nicht auszudenken….

herbstlicher Bergwald
Herbstlicher Bergwald im Grand Luberon

Den zweiten Teil unseres Provence-Abenteuers findet ihr hier →

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