Ein Reisebericht von Volker Otter
Die Sandhills und der Niobrara River gestern und heute
Wenn man auf dem Highway 2 von Alliance in die Sandhills hineinfährt und dann weiter auf dem 83er nach Valentine, merkt man irgendwann, dass die Auswahl der Radiosender gen Null tendiert, ein Countrysender und ein Klassiksender in verminderter Qualität laden dazu ein, entweder einzuschlafen oder apathisch mit zu schunkeln. Wo befindet man sich? In den Sandhills Nebraskas.
Endloses Grasland. Hügel bis zum Horizont, die nirgendwo anfangen und nirgendwo enden. Kleine Seen, grüne, tief eingeschnittene Flusstäler, feuchte Senken, Rinderherden, Zäune, eine menschenleere Gegend sondergleichen, 51800 Quadratkilometer offenen Landes, Land, das die Rinder fett werden lässt. Dieses Land scheint auf den ersten Blick aus dem Autofenster heraus öde und eintönig zu sein, ist aber bei näherer Betrachtung alles andere als das. Es ist erstaunlich wasserreich und grün, obwohl seine Oberfläche einst Wüste war, die Hügel vor Jahrtausenden Sand- und Wanderdünen, heute mit Gras überwachsen, bis zum Horizont.

Es ist Heimat zahlloser Rinder, die die großen Bisonherden ersetzen, von Kranichen, die die Sandhügel und die vielen kleinen Seen seit Menschengedenken als Rast- und Lebensraum genutzt haben und vieler Rancherfamilien, weit verstreut in kleinen Ortschaften mitten im Land, die die Cheyenne- und Lakota-Indianer vor 150 Jahren aus diesem Land verdrängten, und es ist Heimat einer einzigartigen Verquickung von Tieren und Pflanzen verschiedener Lebensräume. Laubbäume des Ostens treffen auf Vorboten der Vegetation der Rocky Mountains, Tiere und Pflanzen der südwestlichen Wüsten leben neben den Arten der Prärien des Nordens.
Heute schwimmt bzw. fährt man durch ein Meer aus Gras, unterbrochen von feuchten Senken, Seen und kleinen Flüssen, die in üppig grünen Tälern schnell und mit erstaunlich kühlem und klarem Wasser dem Missouri entgegenfließen, gespeist durch ein riesiges Grundwasserreservoir, das die Senken auch in trockenen Jahren feucht hält und die Flüsse fließen lässt. Der sandige Untergrund filtert die Niederschläge, die tief in die Erde eindringen, bis sie von Lehm- und Tonschichten gehalten und gesammelt werden, um in den Tälern als Quellen wieder zu Tage zu treten.
Es fließen mehrere Flüsse durch das weite Hügelland. Calamus, Dismal, North Loup und Niobrara River sind typische Sandhill-Flüsse und ideal zum Paddeln geeignet. Der Niobrara ist wohl der bekannteste unter ihnen. Im Norden der Sand Hills gelegen, entwässert er von seinem Quellgebiet in Wyoming bis zu seiner Mündung in den Missouri ein Gebiet von 32640 Quadratkilometern, ohne dabei wesentlich von Menschenhand beeinträchtigt zu sein. Östlich von Valentine, an seinem Mittellauf, wurden 1991 122 Kilometer zum National Wild and Scenic River erklärt, was dazu geführt hat, dass besonders dieser spektakuläre Teil des Flusses mit seinen hohen bewaldeten Klippen und Abbruchkanten zu einem Anziehungspunkt für Freunde des Wassersports geworden ist. Zehntausende von Kanuten und Schlauchbootfahrern besuchen jedes Jahr diesen Teil des Flusses. Einsame Momente sind hier somit nur noch in den frühen Morgenstunden oder außerhalb der Sommerferien zu genießen oder wenn man sich dafür entscheidet, den Fluss westlich von Valentine zu befahren.

Hier hat der Niobrara River die Einsamkeit und Ursprünglichkeit eines kleinen Prärieflusses bewahrt. Er schlängelt sich durch die endlosen Hügel der Sandhills und wenn sich Seeadler von abgestorbenen Bäumen erheben, um sich nur wenig weiter wieder niederzulassen, vergisst man die Zeit um sich und weiß, dass es hier seit Jahrhunderten nicht anders war, als jetzt in diesem Moment.
Die Sandhills und das üppige Tal des Niobrara waren seit je her beliebtes Jagdrevier für die ansässigen Stämme. Große Bisonherden weideten in den Hügeln, bis auch sie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts genauso wie ihre indianischen Jäger fast vernichtet wurden. Hier am Niobrara versteckte sich Little Wolf mit seiner Gruppe von Cheyenne-Indianern während ihrer Flucht aus Oklahoma zurück in ihr angestammtes Land am Tongue River in Montana. Die weitläufigen Sandhills boten ihnen Schutz und Ausweichmöglichkeiten vor den sie jagenden Truppen und Milizen.
1879 wurde unweit von Valentine das Fort Niobrara erbaut, um die Sioux auf der nahen Rosebud Reservation zu kontrollieren. In den 27 Jahren seines Bestehens kam es zu keinen Zwischenfällen. 1906 wurde es aufgegeben. Zu diesem Zeitpunkt waren die Prärien bereits leer gejagt und plötzlich schienen sie nicht mehr die gleichen zu sein wie ehedem. Grizzlies und Wölfe gab es schon lange nicht mehr im Tal des Niobrara. Wapitis, Bisons, Hirsche und Antilopen waren der Ausrottung nahe. Das schwarzfüßige Frettchen sollte in den nächsten Jahrzehnten in dieser Gegend aussterben. Nur langsam sickerte die Tatsache dieses drohend unwiederbringlichen Verlustes in die Köpfe und Herzen der Menschen.
Als dem Staat Nebraska Wildtiere aus dem Bestand privater Ländereien angeboten wurden, wenn der Staat nur Land für ein Schutzgebiet bereitstellen würde, wurde das Gelände des ehemaligen Fort Niobraras reaktiviert. Das Fort Niobrara National Wildlife Refuge unweit von Valentine wurde geboren, ein sehr spätes Bemühen, den üppigen Mischgrasprärien der Sandhills Respekt zu erweisen und sie in ihrer ursprünglichen Vielfalt für die nachkommenden Generationen zu bewahren.
Aktivitäten:
Die Flüsse der Sandhills bieten gute Möglichkeiten zum Paddeln. Der Flusslauf des Niobraras westlich von Valentine bietet eine ursprüngliche Wildniserfahrung weit ab von jeglichem Rummel, während der Teil des National Wild and Scenic Rivers östlich von Valentine zwar sehr spektakulär ist, im Sommer dafür aber ebenso überlaufen.
Boote können in Valentine ausgeliehen werden, wobei viele Anbieter ihren Service auf den Teil östlich von Valentine beschränkt haben, der westliche Teil ist dann Verhandlungssache.
Tageswanderungen im Smith Falls State Park, Fort Niobrara National Wildlife Refuge und den Teilen des Nebraska National Forests ergänzen ein Paddelabenteuer.
Zugang:
Die Sandhills sind am besten über die Highways 2, 83, 20 oder kleinere Nebenstraßen zu erkunden. Valentine liegt an der Kreuzung 20 und 83 und ist der Ausgangsort für viele Aktivitäten in der Gegend.
Informationen und Campingplätze:
Informationen und Kartenmaterial bekommt man in Valentine. Die Karten der Nebraska & Samuel R. Mc Kelvie National Forests und Oglala National Grassland können hier gut genutzt werden, da ein kurzes Flusssegment mit dem Samuel Mc Kelvie National Forest darauf verzeichnet ist. Hier bieten sich Tageswanderungen vom Camp an der Anderson Bridge in die Hügel an. Ansonsten reicht eine gute Straßenkarte der American Automobile Association (evtl. beim ADAC erhältlich) aus, auf der die einzelnen Brücken verzeichnet sind.
Campingplätze (außerhalb der Tour) gibt es in Valentine, hier kann man kostenlos im Stadtpark campen.
Der Smith Falls State Park am Highway 12 bietet einen guten Campingplatz zum Verweilen .Ein lohnenswerter Naturlehrpfad führt einen aus der Welt des Niobrara Tales am höchsten Wasserfall Nebraskas vorbei hinauf auf die endlosen Prärien.
Der Visitor Center des Fort Niobrara National Wildlife Refuges bietet gute Informationen über die Geschichte und Ökologie der Sandhills. Hier gibt es Wandermöglichkeiten zu den Fort Falls. Einfaches Zelten ist in der Fort Niobrara Wilderness Area möglich.
Informationen im Internet
On the Road Geschichte: Schmuggler und ein christlicher Cowboy
Der Weg zum Highway 20 ist nicht lang gewesen, ein paar Kilometer nur. Umgeben von stockbetrunkenen Indianern und der Wucht des Elends der benachbarten Reservation hat mich ein „Whiskyschmuggler“ mitgenommen, zusammen mit einem besinnungslosen Beifahrer, der bald unverständlich lallend in einen alkoholrauschenden Schlaf versinkt. Lustig und tragisch ist es zugleich. Ein ständig verschmitztes und sehr geschäftstüchtiges Grinsen in dem Gesicht des Lakotas, der genau weiß, dass das Geschäft gut gehen wird. Der Wein und Whisky sind billig in Rushville und die Käufer begierig in Pine Ridge.
Die weißen Nachbarn in den kleinen Städtchen außerhalb der Reservation werden sich wieder bestätigt fühlen, dass die Indianer doch nur alles versaufen, was man ihnen gibt. Denen sollte man die Sozialhilfe verweigern, meinen sie und verdienen gleichzeitig gut an ihnen. Mein Fahrer weiß das alles, bietet mir ein Bier an und lacht, was soll man gegen fröhlich-feuchte Parties einwenden, wenn man das Elend nicht mehr sehen will. Noch 100 Meilen, und es ist Nachmittag am Straßenrand in Rushville.
Ein wettergegerbtes Gesicht blitzt mich mit blauen Augen, dickem Schnauzbart und struppigen, blonden Haaren, die unter dem dreckigen Cowboyhut hervor lugen und einer sonoren, männlichen Stimme über einem hünenhaften Körper an. Ein Cowboy wie aus der Marlboro Werbung fragt mich, wo ich hinwill. Hinter dem Pick Up ein langer Hänger, beladen mit seinem Pferd, seinem Hund und einen Moment später meinem Rucksack. Ein Cowboy auf dem Weg nach Hause nach harten Rodeo-Tagen in Wyoming. Im Landhandel des nahen Ortes ein paar Zentnersäcke Hafer für das Pferd auf unsere Rücken verteilt, in den Trailer gewuchtet, und es geht weiter, immer tiefer in die Sandhills hinein.

Ein christlicher Cowboy, wie ich bald merke, bewandert in allerlei Bibelzitaten, die zu jeder Gelegenheit passen, die Bibel immer griffbereit, um den alltäglichen Übeln und Herausforderungen dieser Welt gewachsen und den Jungen ein Vorbild zu sein: „Man, I have to talk.“ „Yes, I know, son.“ “Man, I’m a sinner.” “Son, the only thing we can do is to talk about HIM and pray, that’s the only thing we can do. We’re all just poor sinners.“ So etwas gibt es auf dem Rodeo. Ein christlicher Cowboy, der in Zungen spricht, wenn ihn der heilige Geist überkommt, und mir davon während der Fahrt eine Kostprobe gibt. Ein christlicher Cowboy, der früher ein Schläger, Säufer und lokale Knastpersönlichkeit war, bevor ER zu ihm kam, um ihn zu retten.
Ein christlicher Cowboy, der mir eigentlich reichlich verrückt vorkommen müsste in meinen europäischen Denkmustern, hier aber ganz selbstverständlich mit mir durch die Sandhills fährt und sich mit mir über das Land, die Leute, die hier leben, Pferde, Sünden und Gottes Gerechtigkeit unterhält. Der Mann hat seine Mission gefunden und ist sicherlich durch sie verrückt worden. Ein christlicher Cowboy, der sicherlich ein wenig verrückt ist, aber das ist normal, und der mir zum Abschied männlich meine Hand mit seiner Pranke zermalmt. Abends bin ich in Valentine.
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