Ein Reisebericht von Volker Otter
Die 6641 Quadratkilometer des Banff National Parks mit seinen fünfundzwanzig Gipfeln über 3000 Meter Höhe und die 1310 Quadratkilometer des Yoho (Cree- Ausdruck für „Bewunderung/Wunder“) bilden zusammen mit den Jasper und Kootenay National Parks und den Mount Assiniboine, Mount Robson und Hamber Provincial Parks in British Columbia das Rocky Mountain Parks World Heritage Site. Tausende von Quadratkilometern Bergwildnis stehen hier einerseits unter Schutz und andererseits in der ständigen und manchmal kontroversen Auseinandersetzung um einen ökologisch und ökonomisch vertretbaren Tourismus.
Banff und Yoho wurden zum Ende des 19. Jahrhunderts unter Schutz gestellt. Der Banff National Park war dabei der erste Nationalpark in Kanada und der dritte hinter Yellowstone und dem Royal Nationalpark in Australien weltweit. Er wurde 1885, ein Jahr vor dem Yoho National Park gegründet, nachdem im Jahre 1883 drei Arbeiter der Canadian Pacific Railway auf eine Höhle gestoßen waren, in der sie eine heiße Quelle fanden. In einem Jahrhundert ist der Park schließlich von einem 26 Quadratkilometer großen Areal um die Quellen herum zu seiner jetzigen Größe angewachsen. Die westliche Grenze führt heute 240 Kilometer entlang der Kontinentalen Wasserscheide. Der Yoho, Kootenay und verschiedene Provincial Parks schließen sich westlich und der Jasper National Park nördlich an.

Geschichtlich ist die Region wie überall in den Rockies sonst auch von den entgegengesetzten Bestreben geprägt, die natürliche Bergwelt zu schützen und die natürlichen Ressourcen auszubeuten. Seit Tausenden von Jahren wurde die Gegend von den Ureinwohnern als Jagdrefugium und Heilige Stätte genutzt. Die Stoney, Cree, Ktunaxa und Blackfeet zogen durch die Täler auf der Suche nach Wild, oder um die Mineralquellen und ihre eisenhaltigen Produkte als Grundlage für Farben zu nutzen. Einzig das harte Klima stand gegen eine dauerhafte Besiedelung.
Weiße Pelzhändler durchstreiften das Gebiet im 19. Jahrhundert, um die Herrschaftsgebiete ihrer Handelsgesellschaften auszuweiten und leisteten nebenbei wertvolle kartographische Arbeit für das heranwachsende Kanada. Namen wie David Thompson und Simon Fraser stehen neben Sir George Simpson und Captain John Palliser und sind dadurch geehrt worden, indem Gebirgszüge (Palliser Range) und Flüsse (Fraser River) nach ihnen benannt wurden.
Mit der Erschließung des Westens und der Anbindung an den Pazifik durch die Fertigstellung der Canadian Pacific Railway wurde der kommerziellen Ausbeutung der Bodenschätze in Banff und Yoho, aber auch dem Tourismus Tür und Tor geöffnet. Holzeinschlag und Kohleabbau florierten für eine kurze Zeit. Die Geisterstadt Bankhead nahe Banff kann ihre Geschichte auf einer kleinen beschilderten Wanderung erzählen. Aber auch die großen Touristenzentren in Banff und Lake Louise stammen aus dieser Zeit. Seit 1920 stieg die Zahl der Touristen, die per Automobil über den heutigen Trans-Canada-Highway anreisten, der ersten die kanadischen Rockies überquerenden Straßenverbindung.
Diese Zahl ist bis heute kontinuierlich auf über 7 Millionen Besucher im Jahr in Banff gestiegen. Es ist klar, dass sich diese Zahl im Widerspruch zu den starken Schutzbemühungen der fragilen Bergwildnis befindet. Auch wenn längst nicht alle Besucher das Hinterland besuchen oder länger bleiben, so wird anhand der Zahlen doch deutlich, wie wichtig das Verhalten gerade des Einzelnen ist, um die negativen Auswirkungen seines Besuches in diesem Zusammenhang zu minimieren.
Banff und Yoho lassen sich in drei verschiedene ökologische Zonen unterteilen. Die Täler der Montanen Zone mit ihren saftigen Wiesen und Wäldern mit Espen-, Douglastannen-, Lodgepolekiefern- und Lärchenbeständen sind wichtige Lebensbereiche für Wapitis (elk), Hirsche (deer) Bighornschafe und selbstverständlich auch für ihre natürlichen Feinde wie Berglöwen und Wölfe. Aber auch Schwarz- und Grizzly-Bären sind auf diese Zone besonders im Winter angewiesen. Die relativ lange Wachstumsperiode bietet allen eine wichtige Nahrungsgrundlage. Die Montane Zone als Kraftwerk des ganzen Ökosystems macht jedoch nur 5% der gesamten Parkfläche von Banff, Yoho, Kootenay und Jasper aus, und genau hier findet der Konflikt zwischen Naturschutz und Tourismus statt. Straßen, Orte und Hotelanlagen liegen in den Tälern und werden (auch aus wirtschaftlichen Gründen) weiterentwickelt, um die wachsende Zahl der Touristen aufnehmen zu können. Der damit einhergehende Autoverkehr, Lärm, Luftverschmutzung und die Erschließung entlegener Täler tun ein Übriges, Bären und Wölfen ihr Zuhause streitig zu machen.

Die Berghänge herauf schließt die Subalpine Zone an. Dichte Bestände von Tanne und Lärche findet man dort, wo die Wolken sich abregnen. Im Frühjahr versorgt der schmelzende Schnee den Untergrund noch lange mit Feuchtigkeit. Moose und Flechten wachsen hier. Besonders weiter westlich (z.B. Glacier Nationalpark, B.C.) sind sogenannte „snow-forests“ entstanden, nördliche Regenwälder. Die Alpine Lärche zieht sich bis an die Baumgrenze und schmückt die Hänge im Spätsommer / Herbst mit ihren gelben Nadeln.
Die Alpine Zone ist von extremen klimatischen Bedingungen geprägt. Niederschlag, Temperaturunterschiede, Windgeschwindigkeiten, UV-Strahlung formen die Landschaft: Gletscher, Fels, alpine Wiesen mit ihrer Tundravegetation auf dünnstem Erduntergrund sind prägend. Die Wachstumsperiode währt manchmal nur ein paar Wochen im Jahr, der Erdboden ist äußerst nährstoffarm. Und doch ergibt sich hier eine erstaunliche und fragile Artenvielfalt. Spezialisierte Pflanzen, die nur hier existieren können, Bergziegen, Nagetiere, Schneehühner, aber auch Grizzlies auf der Suche nach Wurzeln und Nagetieren sind in dieser Zone zu finden.
Im Wechsel der Jahreszeiten lassen sich in den verschiedenen Zonen für einzelne Arten jeweils die besten Lebensbedingungen finden, was sich zu einem einzigartigen, miteinander verflochtenen Ganzen zusammenfügt.
Und dennoch sind die kanadischen Rockies ein Paradebeispiel für die kaum miteinander zu versöhnenden Gegensätze menschlicher und wirtschaftlicher Interessen und den Schutzbedürfnissen eines der letzten großen Wildnisgebiete des amerikanischen Kontinents, das auch hier im Schwinden begriffen ist.
Der Gegensatz scheint nicht auflösbar, die Seele so vieler Menschen jedoch mit dem Phänomen Wildnis in tiefer Sehnsucht verbunden zu sein.

Aktivitäten:
Der Banff- und der Yoho- Nationalpark sind ein El Dorado für Wanderer und Bergsteiger und Reiter. Von Tages- über leichtere Mehrtagestouren bis hin zu ausgedehnten Wildnisaufenthalten ist hier alles möglich. Wildwasserkanuten kommen auf dem Yoho und Kicking Horse River auf ihre Kosten. Für Mountain Biker gibt es ausgezeichnete Routen.
Zugang:
Der Zugang zum Banff wie auch dem Yoho Park erfolgt über den Trans Canada Highway 1. Von Calgary kommend gibt es in Banff, Lake Louise und Fields Greyhoundbusstationen
Die Yoho Valley Road zum Whiskey Jack Hostel zweigt vom Trans-Canada-Hghw. zwischen Lake Louise und Fields ab.
Informationen und Campingplätze:
Reichhaltige Informationen und Ausstellungen bekommt man in den Besucherzentren in Fields (Yoho Nationalpark), Banff und Lake Louise (Banff Nationalpark). Hier lassen sich auch Wanderungen mit Hilfe von Literatur und Rangern planen und besprechen. Das notwendige Kartenmaterial gibt es hier zu kaufen.
Backcountry Permits für Mehrtagestouren sind obligatorisch. Auch eventuelle Änderungen im Wegesystem sind in den Visitor Centers zu erfragen. Wer sich noch nicht über das Verhalten im Bärengebiet informiert hat, sollte dies hier tun. Aber auch über die Gefahr im Umgang mit Banffs Wapitis sollte jeder informiert sein. Wapitis trifft man im Wald genauso wie in Banffs Vorgärten oder auf den Straßen. Besonders in der Brunftzeit kommt es immer wieder zu Zusammenstößen und Verletzungen durch diese Tiere, weil Touristen das Abstandsgebot nicht beachten.
Backcountry Campsites sollten frühzeitig reserviert werden, da Übernachtungen auf einer Mehrtageswanderung nur dort erlaubt und die Kapazitäten begrenzt sind.
In Banff und Lake Louise gibt es Jugendherbergen mit einem z.T. sehr interessanten Service Angebot (geführte Wanderungen etc.) und Zeltplätze, die sich allerdings im Sommer schnell füllen.
Im Yoho Park gibt es Zeltplätze und das Whiskey Jack Hostel, eine einfache, aber sehr liebenswerte Herberge in unmittelbarer Nähe der Takkakaw Wasserfälle. Das Whiskey Jack Hostel hat nur wenige Betten. Bitte vorher informieren, ob es geöffnet hat (s.u.). Eine Voranmeldung sichert einem einen Platz.
Informationen im Internet
On the Road- Geschichte: Bärenwildnis
Es ist August. Ich bin erst am Nachmittag aufgebrochen, nachdem ich meine Route sorgfältig mit den Rangern im Visitor Center durchgegangen bin. Das noch vom Ski Tourismus geprägte Umland von Banff habe ich während der letzten Kilometer hinter mir gelassen, die geschäftige Hektik des kleinen Ortes auf dem zurückliegenden Pfad abgelegt. Jetzt gibt es nur noch mich und den Wald und die, die hier leben. Der Lagerplatz liegt idyllisch, nicht weit entfernt das Rauschen des Fourty Mile Creeks. Die Nachmittagssonne verschwindet langsam hinter einem Berg. Frühe Abendkühle. Stille. Horchen. Der Bach plätschert leise, leichter Wind in den Bäumen, meine Schritte, mein Atem, raschelnde Kleidung, leises Klirren der Küchenutensilien. Ich fange an zu kochen. Spaghetti. Stille. Horchen.
Ich höre etwas. Etwas Fremdes. Anspannung. Wo? Ich sehe eine Bewegung. Ich sehe einen Grizzly. Angst. Konzentration. Vierzig Meter. Zu nah. Viel zu nah. Er gräbt an einem alten Baumstamm, hat mich noch nicht bemerkt. Ich schaffe Abstand und fange leise an zu reden und spüre meinen Puls in den Fingerspitzen. Der erste Kontakt. Er richtet sich auf. Ich rede leise, ein wenig lauter und ruhig. Er hört. Er kommt auf mich zu. Ich bete und gehe langsam zurück. Ich rede wie besinnungslos vor mich hin. Vielleicht flehe ich auch aus Ungewissheit und Angst. Er ist noch nicht ausgewachsen. Er riecht an meinem Kocher und den halbgaren Nudeln. Nur riechen, das ist gut. Ich rede mit mir, mit ihm, wer weiß das schon. Er läuft in einem Bogen oberhalb von mir am Lager vorbei und verschwindet. Stille. Horchen. Irgendwann schlafe ich ein.

Ich singe, was das Zeug hält, klatsche in die Hände. Ein klarer, kalter Morgen ist angebrochen und taucht den Trail in das erste Sonnenlicht. An der Baumgrenze eine Bewegung, noch weit weg. Ein ausgewachsener Grizzly schiebt sich durch das Gebüsch. Der Atem stockt. Zuerst Angst. Dann Kontrolle. Tiefes Ausatmen und Bewunderung aus der Entfernung. Ich fange an, laut zu sprechen und in die Hände zu klatschen. Die Fingerspitzen pulsieren wieder. Er hat mich gesehen und verschwindet langsam auf die andere Bachseite den Hang hinauf. Ich warte und spüre, wie ohnmächtig ich bin, wie klein und verletzlich, mir dämmert die Bedeutung des Wortes „Wildnis“ herauf und was es bedeutet, Respekt zu haben als Gast in einer noch ungewohnten Welt.
In den frühen Morgenstunden eines neuen Tages zittere ich vor Kälte, als ich nach draußen schlüpfe, um Holz für ein kleines Feuer zu sammeln. Mein Thermometer zeigt -10 Grad Celsius an. Das Hochtal liegt unter Raureif und fängt an zu glitzern, als es unter den ersten Sonnenstrahlen und dem dröhnenden Gesang eines brünstigen Wapiti Bullen erwacht. Ich bin allein und schon längst nicht mehr einsam.
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