Ein Reisebericht von Volker Otter
In der Unendlichkeit und Tiefe der Prärien erheben sich die Black Hills oder Paha Sapa in der Sprache der Lakota. Aus der Ferne erscheint es, als erstehe wirklich eine schwarze Landmasse aus dem Ozean aus Gras. Kommt man näher, wird aus dem Schwarz ein vielfältiges Grün aus Tannen, Kiefern, Eichen und Espen, gemischt mit dem Grau der spitzen Nadeln und schroffen Klippen aus Granit, dem Beige der trockenen Präriegräser im Sommer und der bunten Wildblumenpracht im Frühjahr und dem Blau von kleinen Seen und rasch dahinfließenden Bächen und Flüssen. Die Ebenen steigen langsam zu den Hügeln auf, vermischen sich und gehen in tiefen Wald über. Die Black Hills sind und waren seit jeher ein magischer Ort, trotz der 3,5 Millionen Besucher, die jedes Jahr ihren Weg hierher finden. Crazy Horse suchte, genauso wie viele Indianer heutzutage noch, nach Visionen auf dem Bear Butte im Norden der Black Hills. Die Black Hills waren den hier ansässigen Stämmen seit jeher heilig. Sie waren Rückzugsort im Winter, Jagdrevier und Gebetsstätte, ein Ort, um Visionen zu erlangen, ein Ort der Mythen und der Schöpfung, ein Ort des Friedens unter den Stämmen über die Jahrhunderte hinweg.

Die Black Hills – die Erschütterung eines immerwährenden Friedens in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts
Nach Red Clouds erfolgreichem Krieg für die Schließung des Bozemans Trails wurden die Black Hills 1868 den Sioux in dem Vertrag von Laramie auf ewig und unteilbar zugesprochen, woran sich die Vereinigten Staaten sechs Jahre später schon nicht mehr erinnern wollten. General Custer führte eine Expedition in die Black Hills im Auftrag der Northern Pacific Eisenbahngesellschaft, die bereits widerrechtlich Gleise durch das den Indianern zugesprochene Land gelegt hatte. Und: Custer fand Gold. Die Regierung war daraufhin entweder nicht willens oder in der Lage, den nun einsetzenden Goldrausch zu stoppen, während gleichzeitig ein erbarmungsloser Krieg gegen die Indianer geführt wurde. Nach dem letzten Aufbäumen indianischen Widerstandes am Little Bighorn River wurden die Indianer ihrer Lebensgrundlagen und Führer beraubt und dem drohenden Hungertod oder der Abhängigkeit von Almosen überlassen. Die großen Bisonherden waren weitgehend abgeschlachtet, Crazy Horse wurde 1877 in Fort Robinson verraten und ermordet, Sitting Bull 1890 von der Indianer-Polizei auf der Standing Rock Reservation erschossen.
Den Indianern wurde ein Verkauf der heiligen Berge nahegelegt, den diese jedoch bis heute ablehnen. 1877 ratifizierte der Kongress dann einseitig ein Dokument, durch das die Lakota ihre Paha Sapa verloren und auf die tristen Landstriche in Pine Ridge, Rosebud und am Missouri zusammengepfercht wurden. Von der Great Sioux Reservation im Vertrag von Laramie 1868 wollte niemand mehr etwas wissen. Die Black Hills waren der rücksichtslosen Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe geöffnet. Ein Strom von Tausenden von Abenteurern ergoss sich in die Black Hills. Die Berge wurden nach wertvollen Erzen durchwühlt, bis heute. Aus armseligen Ansammlungen von Hütten wurden schnell wachsende Städte: Deadwood, Lead, Sturgis sind nur einige davon, die sich bis heute gehalten haben. Hier gaben sich legendäre Persönlichkeiten des Wilden Westens ein Stell-Dich-Ein: Wild Bill Hickok, Calamity Jane und Potato Creek Johnny trieben ihr Unwesen und sind auf dem Mt. Moriah Cemetery in Deadwood begraben.
Die Blüte des Goldrausches und der gesetzlosen Zeit war jedoch nicht von langer Dauer. Die Städte verfielen wieder. Die meisten Minen waren bald erschöpft, rings um die einst blühenden Orte war nichts übriggeblieben als durchwühlte Erde und zerstörte Natur. Deadwood und die anderen Orte waren auf dem besten Weg, zu verlassenen Geisterstädten zu werden, bis man sich auf die verwegene Vergangenheit besann und in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts begann, die alten Fassaden wieder aufzupolieren und die Black Hills zu einer Touristenattraktion zu machen, in der Amerika in Theaterstücken und am Mt. Rushmore National Memorial seiner Vergangenheit gedenken und darin schwelgen und in Casinos und Vergnügungsparks dem einst so verwegenen Glücksspiel frönen konnte.
In diesem Rummel vergisst man leicht, dass die touristisch nicht verwertbare Geschichte der Black Hills noch nicht abgeschlossen ist. Um die Black Hills wird nach wie vor erbittert gekämpft. 1980 bot die amerikanische Regierung den Sioux 122,5 Millionen Dollar als Entschädigung für zu Unrecht konfisziertes Land. Die Indianer lehnten dies ab, um die erstrittene, gerichtlich festgestellte Unrechtmäßigkeit nicht im Nachhinein zu legitimieren. Die Black Hills sind so zu einem Symbol indianischen Stolzes und indianischen Widerstandes geworden. „The Black Hills Are Not For Sale!“ ist ein Slogan, der nichts von seiner Gültigkeit verloren hat.

The Black Hills Are Not For Sale!
Die Berge sind immer noch heilig, trotz des inszenierten Touristenrummels, der Zerstörung durch Ausbeutung der Rohstoffe, der Schaffung des „Shrine of Democracy“ in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und der Namensgebung des höchsten Berges nach General Harney, der in den Indianerkriegen gegen die Indianer gekämpft hat.
Direkt an den National Forest, der 1905 gegründet wurde, um den wirtschaftlichen Raubbau einzudämmen, grenzen im Südosten der Custer State Park mit seinen offenen Prärieflächen von insgesamt 29.200 ha, auf denen die größte Bisonherde in öffentlichem Besitz (1500 Tiere) frei umherzieht und der 1903 gegründete Windcave National Park mit seinen 11.317 ha wunderbaren Präriehügellandes, Wäldern, Canyons und der Wind Cave, dem eigentlichen Wunder dieses Parks, das bis 1881 unentdeckt blieb.
Zwei Brüder, Jesse und Tom Bingham, entdeckten das weit verzweigte und bis heute noch nicht vollständig erschlossene Höhlensystem, als sie sich von einem Rauschen und Pfeifen anlocken ließen, das aus einem kleinen Loch in der Erde kam, dem einzigen natürlichen Eingang zur Höhle. Dieser pfeifende Wind, der Jesse den Hut vom Kopf geblasen haben soll, gab der Höhle ihren Namen, Wind Cave. Der Wind ist heute noch vor dem künstlich eingerichteten Eingang zu spüren und entsteht durch einen unterschiedlichen Luftdruck innerhalb und außerhalb der Höhle.
Zeugnisse der ersten Erkundungen gibt es im Innern der Höhle zu entdecken. Kerzenstumpen, Rußmarkierungen und Kordelreste lassen einen zwangsläufig an die Abenteuer Tom Sawyers und Huckelberry Finns denken. Als Spuren der Geschichte werden sie wie ein Kleinod von den Rangern gehütet.
Lässt man also den grellen Rummel der Städte und Vergnügungscenter hinter sich und taucht vorsichtig in die Geschichte und die verbliebene stille Welt der Prärien, der Wälder, der Granitklippen, der Bäche und Seen ein, so erlebt man ein vielfältiges und mit allen Sinnen zu erschließendes Land, in dem Spuren der Geschichte und das Zusammentreffen verschiedenster Ökosysteme dazu auffordern, sich behutsam mit den Entdeckungen der Gegenwart auseinander zu setzen.

Aktivitäten:
Die Black Hills bieten eine schier unbegrenzte Auswahl an Outdoor-Aktivitäten. Wanderreiten, Mountainbiking und Felsklettern gehören genauso dazu wie Wanderungen, von leichten Tages- bis hin zu anspruchsvollen Mehrtagestouren. Der Centennial Trail zieht sich neben unzähligen anderen Wanderpfaden über 179 Kilometer vom Bear Butte im Norden bis hin zum Wind Cave National Park durch die Black Hills. Insgesamt gibt es in den Black Hills über 966 Kilometer an Wanderpfaden! Für Wanderreiter gibt es spezielle Campingplätze. Höhlenforscher können sich auf geführten Touren in den Höhlensystemen der Jewel und Wind Cave austoben.
Zugang:
Der Hauptzugang aus westlicher und östlicher Richtung führt über den Highway 90, entlang dem auch eine Greyhound-Busroute verläuft. Von Rapid City aus kann man die Black Hills aber auch über die Highways 79 und 16 erreichen. Von nördlicher und südlicher Richtung erreicht man das Gebiet über den Highway 385, der nach Norden hin in den Hghw.85 übergeht.
Informationen und Campingplätze:
Im Black Hills National Forest gibt es eine Fülle von einfachen Campingplätzen, die sich in der Hauptsaison im Sommer schnell füllen können. Informationen über die verfügbaren Plätze sowie über die Geschichte, Ökologie und den Zustand der Wanderwege bietet das Visitor Center am Pactola Reservoir am Highway 385.
Der Custer State Park bietet sieben Campingplätze, die sich ebenfalls schnell füllen. Visitor Centers in der Nähe der Game Lodge und entlang dem Wildlife Loop halten Informationen bereit.
Im Wind Cave National Park gibt es einen regulären Campingplatz. Für Übernachtungen im Hinterland benötigt man eine Backcountry Permit, die man im Visitor Center erhalten kann. Übernachtungen im Backcountry sind nur in einem bestimmten Gebiet im nördlichen Teil des Parks erlaubt. Kartenmaterial für den National Forest und den National Park bekommt man in den Visitor Centers oder in Rapid City.
Um die Wind Cave zu entdecken, werden verschiedene Höhlentouren angeboten. Ein besonders zu empfehlendes Abenteuer hält dabei die Caving-Tour für diejenigen bereit, die durch enge Durchgänge kriechen und die Höhle im Licht der Stirnlampe wie moderne Höhlenforscher für drei bis vier Stunden erkunden wollen. Es gibt aber auch kürzere und einfachere Besichtigungstouren.
Informationen im Internet
On the Road Geschichte: Hirschstew für die Toten
Zwei Tipis und eine Reihe von kleinen Campingzelten direkt am Straßenrand. Unter zwei großen Cottonwoodbäumen eine aufgespannte Plane, Bänke, Tische, ein Wassertank. Ein Verschlag mit Lebensmitteln und einem Gaskocher, Betrieb in der Küche, Mrs. Black Bear hat alles im Griff. Indianer, im Schatten dösend, geschäftig in alten Autos ankommende und wegfahrende, diskutierend, telefonierend, der eine oder andere betrunken, geduldet. An einem Baum hängt ein Hirsch, abgezogen, ausgenommen, kochfertig, dazu unzählige schwarzen Fliegen. Camp Justice. Heute tagt das Bundesgericht in Omaha über die (Un-)Rechtmäßigkeit der Reservatsgrenze und des Alkoholausschankes im Örtchen White Clay am Ausgang der Pine Ridge Reservation. Warten auf neue Nachrichten.
Heute wird marschiert, der eigenen stolzen Vergangenheit, der gebrochenen Verträge und der am Straßenrand Ermordeten gedacht, unerträgliche Normalität. In den Boden gerammte Stangen, mit Stofftüchern und Tabakschnüren geschmückt, kennzeichnen den Ort des Verbrechens, das, wie so viele andere, nicht aufgeklärt werden wird. Heute White Clay, morgen Rapid City, übermorgen die Standing Rock Reservation. Heute werden Reden gehalten, heute werden die Trommeln geschlagen und dazu gesungen. Heute wird gehofft, einen Sieg über die alltägliche Trostlosigkeit zu erringen und für einen Moment wieder stolz sein zu können. Morgen schon werden einige davon nichts mehr wissen und betrunken vor den Schwellen der Alkoholschänken liegen.

Heute Abend aber gibt es Hirschstew. Für die, die essen wollen. Und für die Toten. Einen Teller voll und eine Dose Coke dazu. Wir stehen vor der Stätte des Verbrechens, mein Gegenüber spricht ein Gebet auf Lakota und bedeutet mir, den Teller nun behutsam den Toten zu überlassen.
Wenn dir diese Reisegeschichte gefallen hat, dann freuen wir uns über einen Kommentar von dir.
