Reisen in Nordamerika – Der Theodore Roosevelt National Park in Dakota – USA

Ein Reisebericht von Volker Otter

Die Geschichte des Theodore Roosevelt National Park

Die Geschichte dieses Parks ist eng mit der Person Theodore Roosevelts verbunden. Von sich selbst behauptete er, dass er wohl nie Präsident geworden wäre, hätte er nicht einen Teil seines Lebens auf den Prärien Nord Dakotas verbracht.

Die Little Missouri Badlands besuchte er zum ersten Mal 1883 während eines Jagdausfluges. Dieses Erlebnis musste so nachhaltig auf ihn gewirkt haben, dass er wenig später Teilhaber der Maltese Cross Ranch unweit des heutigen Medora wurde. Ein Jahr darauf gründete er die Elkhorn Ranch am Little Missouri zwischen dem heutigen Nord- und Südblock des National Parks.

Roosevelt wurde Zeuge eines großen Umbruches in den Prärien, der Vernichtung der Bisonherden, der Wapitis und der Bighornschafe und des Anfangs der wirtschaftlichen Nutzung und Ausbeutung des Landes. Überweidung zerstörte die Weidegründe und den Lebensraum vieler Präriebewohner. Die Prärien waren im Verschwinden begriffen, die Landschaft, die solch eine große Rolle für Roosevelts weiteren Weg als Mensch und Politiker spielen sollte.

Vor diesem dunklen Hintergrund wurde der Gedanke des Naturschutzes und der Bewahrung eines einzigartigen kulturellen und historischen Landschaftsraumes für zukünftige Generationen in der Politik geboren und verankert.

Blick Richtung Little Missouri National Grasslands
Blick Richtung Little Missouri National Grasslands

Die Vielfalt des Theodore Roosevelt Nationalpark

Der Park trägt Roosevelts Namen, um dieser historischen Leistung Rechnung und Gedenken zu tragen. Dennoch hat es seit Roosevelts Tod im Jahre 1919 neunundfünfzig Jahre gedauert, bis Präsident Carter 1978 das Gesetz 95-625 unterzeichnete, mit dem der National Park in seiner heutigen Form mit einer Größe von 28.179 ha zum Leben erweckt wurde. Gleichzeitig wurden 11968 ha des Parks zu ausgewiesenen Wildnisgebieten im Rahmen des National Wilderness Preservation Systems. Die beiden Blöcke des Parks sind in die Little Missouri National Grasslands eingebettet, mit ihren 411.220 ha das größte der zwanzig National Grasslands.

Die Little Missouri Badlands sind zweifelsohne eine der Perlen Nord Dakotas. Der träge dahinfließende Little Missouri River windet sich durch eine Landschaft, die von Gegensätzen geprägt ist: schattenspendender, kühler Cottonwoodwald und dichtes Weidengestrüpp an den Ufern, ausgemergelte Sedimentformationen, hitzeflimmernde Canyons und tiefe Erosionsrinnen im Inneren, eine Wildblumenpracht sondergleichen im Frühjahr und ausgedörrtes Gras im Sommer, kiefernbewachsene Hänge und weite, grasbewachsene Plateaus, Tafelberge, versteinerte Bäume, heiße Steppenwinde im Sommer und gewaltige Blizzards im Winter.

Auf den ersten Blick mag die Landschaft fremd und karg erscheinen, aber in den Details zeigt sich eine wunderbare Vielfalt. Im Park werden über 200 Vogelarten gezählt, unter ihnen außerordentlich viele Singvogelarten und seltene Greifvögel. Weißwedel- und Maultierhirsch leben hier. Während erstere die Flußauen bevorzugen, findet man den Muledeer in den karstigen Canyons und Rinnen und auf den Grasplateaus. 1985 wurde der Wapiti Hirsch genauso wie das Bighornschaf wieder angesiedelt. Das Pfeifen der Präriehunde gellt einem in den Ohren, wenn man durch ihre großen Kolonien wandert. Sie bilden die Nahrungsgrundlage für diverse Raubtiere im Park: Adler, Falken, Erdeulen, Coyoten, Klapperschlange, Frettchen, Dachs und andere mehr.

Bison am Little Missouri
Bison am Little Missouri

Im Südblock findet man die lange Zeit geschmähten und seit den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts als kulturelles Erbe anerkannten Wildpferde, Nachkommen entlaufener Ranchpferde. Welch eindrucksvolles Bild, diese zähen und doch so anmutigen Tiere aus der Distanz beobachten zu können. Der Bison wurde 1956 wieder eingeführt, nachdem er auf dem Kontinent fast ausgerottet worden war. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren den großen Abschlachtungen lediglich 300 noch wildlebende Bisons entkommen. Durch strengste Schutzmaßnahmen konnten diese unzertrennlich mit den Prärien verbundenen Tiere gerettet werden. Die Gesamtpopulation des nordamerikanischen Kontinents beträgt heute mehr als 125.000 Tiere.

Im Jahre 1956 wurden 29 Bisons aus dem Fort Niobrara National Wildlife Refuge in Nebraska in den heutigen Südblock des Parks umgesiedelt, wo sie innerhalb der 18400 ha frei umherziehen konnten. Bis 1962 war die Herde auf 145 Tiere angewachsen. Daraus wurden 10 Bullen und 10 Kühe ausgewählt und in den heutigen Nordblock mit seinen 9600 ha gebracht. Heute wird die Herde im Südblock auf einer Größe von 200 bis 400 Tieren und im Nordblock von 100 bis 300 Tieren gehalten. Es ist ein Erlebnis der besonderen Art, diesen gewaltigen Tieren von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen und das Donnern der Hufe zu hören, wenn eine Herde zur Tränke auf alten, tief eingeschnittenen Pfaden drängt.

Der Park bietet die unterschiedlichsten Möglichkeiten, sich den Prärien anzunähern und vielleicht nachzuvollziehen, was Theodore Roosevelt meinte, als er von den bewegenden Erfahrungen seines Lebens in den Prärien sprach, die ihn zweifelsohne zu dem reifen ließen, der er war.

Camping-Nachbar
Camping-Nachbar

Aktivitäten:

Kanuten können bei gutem Wasserstand den Little Missouri River befahren.

Wanderreiter können im Park und den umliegenden Grasslands ausgedehnte Touren machen, soweit sie samenfreies Futter mit sich führen. Besonders bietet sich hier der Maah Daah Hah Trail an, der die beiden Blöcke miteinander verbindet und sich über 193 Kilometer durch die Little Missouri National Grasslands schlängelt. Der Name des Wanderpfades stammt aus der Sprache der Mandan Indianer und bedeutet in etwa „Land das schon immer da war und sein wird“. Auch für Wanderer und Mountainbiker (nur außerhalb des Parks) kann dieser Weg eine gut vorzubereitende Herausforderung sein. Wanderer können im Park sowohl Tageswanderungen, kleinere Spaziergänge als auch anspruchsvolle Wildniswanderungen unternehmen.

Zugang

Der Nordteil des Parks ist von Williston am Hghw. 2 aus mit Auto über den Hghw. 85 über Watford City erreichbar.

Der Südteil ist leicht über den Highway 94 und per Greyhound Bus mit Halt in Medora zu erreichen.

Informationen und Campingplätze:

Im North Unit Visitor Center erhält man alle Informationen, die man für einen Aufenthalt benötigt. Auch wenn dieser Teil anscheinend nicht so populär ist wie die Südeinheit, so gilt sie doch als Geheimtipp bei vielen Besuchern und Präriebegeisterten. Dieser Teil des Parks ist nicht ganz so stark frequentiert wie der Südteil.

Für den Südteil stellen das South Unit und Painted Canyon Visitor Center die besten Informationen zur Verfügung.

In allen Visitor Centers erhält man gute Wanderkarten und aktuelle Informationen über Wegbeschaffenheiten etc.

Die schönen und großzügigen Campingplätze (Juniper im Nordblock und Cottonwood im Südteil), füllen sich im Sommer z.T. sehr schnell. Südlich der South Unit gibt es noch den Sully Creek Campground im Rough Rider State Park.

Informationen im Internet

Theodore Roosevelt National Park Service

 

On the Road Geschichte: Williston

Ich bin auf der Durchfahrt. Übermorgen wird mich der „Empire Builder“ unwiederbringlich – für dieses Mal – aus den Prärien in die Großstadt befördern. Aber das ist übermorgen. Heute dagegen ist früher Vormittag, an der Straße, staubig und verschwitzt nach unvergesslichen Tagen in der Schönheit des Nordblockes des Theodore Roosevelt Nationalparks.

Um genau zu sein, stehe ich in Watford Citys einziger Kreuzung. Rechts geht es in die Indianer Reservation. Ich will nach links. Williston heißt mein Ziel. Ich stehe eine Stunde, zwei Stunden, sehe in verwunderte Gesichter vorbeifahrender Autofahrer, denke an die nette Frau mit dem schlechten Gewissen aus Williston, die mich vor vier Tagen zum Nationalpark gefahren hatte, weil sie mich abends zuvor nicht vor den in der Grassode versenkten und mit Zeitschaltuhr (4:30 Uhr) bestückten Rasensprengern gewarnt hatte. Und ich hatte mich noch gewundert, warum der Stadtpark so schön grün und üppig im Gegensatz zu der die Stadt umgebenden, verdorrten Landschaft aussieht, als ich mein Zelt auf dem feuchten Rasen aufschlug. In der Morgendämmerung um 4 Uhr 30 wusste ich warum, als überall um mich herum und besonders in meinem Vorzelt die Rasensprenger ihr erquickendes Nass mit Hochdruck versprühten. Wenigstens kam ich so zu einer Einladung zum Mittagessen und guten Gesprächen während der knapp 100 Kilometer langen Fahrt zum Park.

Little Missouri
Little Missouri

Eigenartig, wie nah man sich sein kann, wenn man sich nicht kennt, begegnet und wieder auseinandergeht, als hätte man sich gesucht und für einen Moment gefunden. Liebe, Leben, Religion, Tod, Beziehungen zu anderen Menschen, Kummer und Freuden, nichts, was wir in dieser guten Stunde in unseren Gesprächen ausgespart hätten, eine innige Umarmung als Abschied. Was hätten mir die Rasensprenger im Stadtpark von Williston Schöneres und Unverhoffteres bescheren können?

Aber jetzt stehe ich immer noch hier. Die Sonne brennt heiß. Nach längerer Zeit ein Pick Up. Er hält. Ein Pick Up mit Hänger, auf dem Hänger ein schrottreifer Goliath Sportwagen. Die Fensterscheiben vollgestaubt. Aus dem heruntergekurbelten Beifahrerfenster sieht und spricht mich ein lallendes Gesicht an, mit langen, strähnigen, ungepflegten Haaren, braungebrannter Haut, ein Bandana um die fettige Stirn geschlungen und mit breiten Zahnlücken neben den restlichen hoch kariösen Zähnen im Mund. Unter dem Gesicht hagere, drahtige Schultern mit Armen und Händen, die eine Bierbüchse halten, darüber ein verdrecktes, speckiges T-Shirt. Ich verstehe nichts, was vermutlich an den fehlenden Zähnen und der Bierbüchse liegt.

Als ich sage, dass ich nach Williston möchte, höre ich eher ein zustimmendes Grunzen als eine klare Antwort. So steige ich dann ein zu den vier Männern, die gerade auf dem Rückweg von einer einwöchigen Montage an den vielen Ölförderstationen im Staat kommen, die Taschen voller Geld, bereit, es schnell die Kehle herunterfließen zu lassen. Ich weiß nicht wie, aber ich sitze noch nicht ganz und habe schon eine geöffnete Bierdose in der Hand, ein Willkommensgruß. Das Gesicht, das mich angesprochen hatte, ist in der Tat schon recht betrunken, Gott sei Dank bedient sich der Fahrer nur mäßig.

Es sind allesamt mehr oder weniger abgewrackte Gestalten, aber feine Kerle auf ihre Art und Weise. Ein harter Job, das Öl der Prärien anzuzapfen. Sie erzählen von tödlichen Arbeitsunfällen durch ausströmende Gase oder geplatzte Ventile genauso wie über Bier, Drogen und Huren. Und natürlich ist auch Paul dabei, dessen Urgroßeltern aus Deutschland kamen, weshalb er auch sein eigenes deutsches Bier zu Hause braut. Zwei Biere, drei Biere. Der Fahrer hat heute Geburtstag. Deshalb machen wir auch einen Stopp an der ersten Highway Bar. Weil ich aus Deutschland bin, bekomme ich auch das stärkste Bier, der Fahrer einen Whisky. Es beginnt hoch und lustig her zu gehen und ich fange an, mir Sorgen wegen des Fahrers und meines Magens zu machen.

Irgendwann wollen sie wissen, was ich in Deutschland so treibe. Ein schallendes, aber nicht bös oder verletzend gemeintes Gelächter, als sie hören, dass ich im sozialen Bereich tätig bin. Jeder von ihnen hatte mehrfach mit diesem Berufszweig zu tun, meistens mit Bewährungshelfern, unfreiwillig versteht sich. Die Gespräche drehen sich immer mehr um Drogen und Sex in allen erhofften oder erlebten Details und um das, was sie noch alles in ihrem Leben tun und erträumen wollten. Auf die Frage des nun endgültig trunkenen Beifahrers, ob die Frauen in Deutschland auf Typen wie ihn stehen würden, sage ich natürlich ja. Wieder schallendes Gelächter und noch mehr Bier.

Paul ist dreiunddreißig, am wenigsten betrunken und erzählt mir stolz, dass er seit drei Monaten eine feste Freundin hat, die er noch heute Nachmittag zu sehen hofft. Zwischendrin eine Pinkelpause im heißen Steppenwind. Noch ca. zwanzig Meilen bis nach Williston und kaum ein anderes Auto auf der Straße. Bin ich denn verrückt, mit solchen Kerlen durch Nord Dakota zu gondeln und auf die nächste Polizeistreife zu warten, die auch mich nicht gerade zimperlich behandeln würde, alkoholisiert, wie wir alle sind?

In diesem Auto ist es egal, wer welchen Bildungsstand hat. Die Frage des Status gibt es nicht. Hier gibt es Menschen, die in vielem einfach kein Glück gehabt haben, aber eben Menschen, die zu teilen verstehen, was es auch immer zu teilen gibt, ohne zu fragen. Eine krude, aber tiefe Art von Menschlichkeit in einem ziemlich aussichtslosen Leben. Der Fahrer bestückt eine Zigarette mit Speed und lässt sie herumgehen. Ich lehne dankend ab. Williston kommt in Sichtweite. Der Pimpf, ein neunzehnjähriger Junge, ist in seinem Rausch tief weggetreten in den Sitz gesackt. Eine letzte Highway Bar, vollgestopft mit Oil Drillern, Arbeitskollegen. Ich sitze mit meinen Fahrern an der Bar, und wieder geschieht es mir, dass der Hocker unter mir noch nicht mal angewärmt ist und ich eine geöffnete Flasche Bier vor mir stehen habe.

Coulee-Welt am Little Missouri
Coulee-Welt am Little Missouri

Ich mache Bekanntschaft mit menschlichen Wracks, vom Alkohol und anderen Drogen und einem harten Leben gezeichneten aufgedunsenen Gesichtern. Ich mache Bekanntschaft mit einer anderen Seite Amerikas, die es in den Reisekatalogen nicht gibt, von der ich nicht gedacht hätte, dass ich für einen Moment in sie eintauchen könnte, als gehörte ich dazu.

Ich habe nicht einmal eine einzige Flasche Bier bestellt, aber schon mindestens drei getrunken, als ich Paul auf der Toilette begegne und erfahre, dass er einen Bekannten getroffen hätte, mit dem er gleich nach Williston weiterfahren wolle. Er will ja schließlich seine Freundin nicht verärgern. Ich schließe mich ihm an, verabschiede mich von den anderen und bin froh, dass der neue Fahrer einen klaren Eindruck macht, so ich das noch beurteilen kann.

Williston

Paul besteht darauf, dass ich unbedingt noch sein selbstgebrautes Bier probiere. Allerdings stellt sich heraus, dass sein Mitbewohner sich anscheinend kräftig bedient hat. Er bietet mir eine Dusche und eine Unterkunft für die Nacht an. Ich nehme die Dusche, und wir einigen uns auf ein Abschiedsbier in dem Schuppen im Erdgeschoss, in dem leichte Mädchen in der Hoffnung auf einen Drink oder mehr am Tresen rumhängen und eine Oben-Ohne-Tänzerin sich lustlos an einer Stange windet, um 16.00 Uhr Ortszeit. Auf dem TV-Bildschirm über dem Tresen verfolge ich in der dauerlaufenden Wettervorhersage beunruhigt einen anrückenden Gewittersturm und lausche den Berichten über die bisher angerichteten Überschwemmungen und Schäden. Gegen Abend soll er Williston erreichen. Ich überdenke kurz das Angebot von Paul, bei ihm zu übernachten und entscheide mich für den Gewittersturm im Stadtpark. Noch ein Bier wäre mein Tod.

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