Reisen in Nordamerika – Der Rocky Mountain National Park und die Never Summer Wilderness in Colorado – USA

Ein Reisebericht von Volker Otter

Die Never Summer Wilderness

Der Name der an den Park angrenzenden Never Summer Wilderness spricht Bände über das vorherrschende Klima. Ein Drittel der 1036 Quadratkilometer des National Parks liegen oberhalb der Baumgrenze. Das Gesamtbild wird nicht selten auch im Sommer von schneebedeckten Bergen geprägt, die sich über tiefe Wälder, subalpine Täler und Seen erheben. Die Berge sind in ihren Formationen vielleicht nicht so spektakulär wie das Erscheinungsbild z.B. des Glacier National Parks. Die Bergrücken sind abgeflachter, verschiedene Eiszeiten haben den Fels abgerundet und ein eigenes Bild entworfen. Dafür hat man aber die Gelegenheit, über die unübertroffenen (sub)alpinen Blumenwiesen und die fragile Tundravegetation zu staunen, die die weiten Hochflächen bis in den Hochsommer hinein in ein Blütenmeer verwandeln.

Never Summer Wilderness
Never Summer Wilderness

Eine Besonderheit des Parks ist, dass ihn ein kleiner Wildbach durchfließt, der später im Laufe seiner Reise, zu einem mächtigen Fluss angeschwollen, in Jahrtausenden sein grandioses Meisterwerk der Natur erschaffen hat, den Grand Canyon. Der kleine Bach ist unter seinem Namen Colorado River weltberühmt. Während man in den tief gelegenen Tälern die üblichen Ponderosakiefern, Wacholder und in nördlichen Lagen Douglastanne findet, in Flussauen auch Blautanne, gemischt mit Lodgepolekiefern und Espenhainen, geben Waldlichtungen einen Blick auf von Kolibris umschwirrte Wildblumengärten frei. Im Übergang zwischen subalpiner und alpiner Zone herrscht die Englemannfichte vor.

Dort, wo sich der Wald dann endgültig lichtet, krallen sich die Bäume in den Boden, um den harschen Bedingungen zu widerstehen. Graues, verwittertes Totholz bietet einen grotesk anmutenden Blickfang, gemischt mit den einzigartigen Blumengärten der tundraartigen Vegetation, die sich über ganze Hochtäler und abgeflachte Bergrücken ziehen. Ein Viertel der hier vorkommenden Arten findet man auch in der Arktis wieder. In seiner Tierwelt unterscheiden sich der Park und sein Umland nicht wesentlich von den anderen Parks in den Rockies. Maultierhirsche, Luchse, Berglöwen, Biber, Coyoten, Wapitihirsche in größeren Herden, Bighornschafe, Bergziegen, Elche, vorwiegend auf der westlichen Seite, sowie Murmeltiere und Schwarzbären nennen das Gebiet ihre Heimat. Lediglich der Grizzlybär kommt hier nicht mehr vor.

Bighorn Sheep
Bighorn Sheep

Die Geschichte des Rocky Mountains National Parks

Die ersten Europäer, die in diesen Teil der Rocky Mountains kamen, waren vermutlich französische Pelzhändler, die hier jagten und mit den ansässigen Utes Handel trieben. 1820 kam die Long-Expedition von Osten her in Sichtweite des Parks und erklärte die vorgelagerten Hochebenen als kaum kultivierbar (s.a. Pawnee National Grasslands). 1859 ließ sich die Estes Familie im heutigen zum Park gehörenden Estes-Tal nieder und versuchte sich in der Rinderzucht. Das harsche Klima ließ sie scheitern. Nur wenige Siedler folgten.

Später kaufte der Earl of Dunraven annähernd 6.000 ha um das heutige Estes Park herum. Durch zweifelhafte Geschäfte verlor er jedoch einen Großteil seiner Landtitel wieder. In der Zwischenzeit veranlasste er den Landschaftsmaler Alfred Bierstadt, sein berühmtes Bild vom Longs Peak zu malen. Dieses Bild half, die Gegend in ihrer Schönheit populär zu machen und die ersten Touristen hierher zu locken.

Seitental
Seitental

Im ausgehenden 19. Jahrhundert begann wie überall auch der Versuch der wirtschaftlichen Ausbeutung der Rockies. Die Suche nach Bodenschätzen sorgte besonders im westlichen Teil des Parks, im Kawuneeche Tal, für das Entstehen verschiedener Boomtowns. Lulu City, Gaskill und Dutchtown sind heute nur noch Namen auf der Landkarte. Die Hoffnungen auf schnellen Reichtum waren größer als die realen Gewinne. Heute findet man noch Reste von Blockhausfundamenten (z. B. auf dem Lulu City Trail, 7,2 Meilen).

Nach den Boomtowns kamen die Touristen. Gästeranches und Hotels bestimmten das Geschäft. Die kleinen Städte Estes Park und Grand Lake leben noch heute davon. Der Naturwissenschaftler, Autor, und Hotelbesitzer Eno Mills begann 1909 seine landesweite Kampagne zum Schutz der Rocky Mountains zu einem Zeitpunkt, als deutlich wurde, dass die großen amerikanischen Landschaften von einer rücksichtslosen Ausbeutung unwiederbringlich bedroht waren. Sein Engagement wurde 1915 unter der Präsidentschaft von Woodrow Wilson endlich mit Erfolg gekrönt durch die Schaffung des Rocky Mountain National Parks.

Aktivitäten:

Der Park bietet zusammen mit den umliegenden Staatswäldern (Arapaho-, Routt- und Roosevelt National Forest) und Wildnisgebieten (Never Summer, Comanche Peak, Neota, Indian Peaks und Rawah) ein riesiges Areal, das den Vergleich zu populäreren Gebieten in Bezug zu Outdooraktivitäten nicht zu scheuen braucht. Im Nationalpark sind die Wanderwege gut ausgebaut und beschildert. In den ausgewiesenen Wildnisgebieten sind die Beschilderungen und Markierungen z.T. verschwunden und wurden nicht erneuert, Wege sind jedoch meist klar erkennbar. Brücken können u.U. weggespült und noch nicht wieder errichtet sein. Das Gebiet eignet sich sehr gut für Tages- und Mehrtagestouren sowie Radfahren auf den eingezeichneten Straßen.

Informationen und Campingplätze:

In mehreren Visitor Centers informiert man sich über den Park, Campingplätze sind im Park oder den umliegenden Gemeinden verfügbar, jedoch schnell ausgebucht. Das kleine Touristenstädtchen Grand Lake auf der Westseite bietet genauso wie Estes Park im Osten die eine oder andere Einkaufsmöglichkeit. Der westliche Parkeingang ist der weniger stark frequentierte Zugang zum Park. In der Never Summer Wilderness gibt es keine festgelegten Backcountry-Zeltpätze, in Parknähe jedoch u.U. Zeltverbote. Die Backcountry-Zeltplätze im Park sind schnell vergeben. Eine Vorausbuchung bietet sich an.

Informationen im Internet

Rocky Mountains National Park Service

 

On the Road Geschichte: Tag und Dämmerung

Der Morgen ist kühl und feuchtdunstig. Die Never Summer Mountains verbergen sich noch im Regendampf der letzten Nacht. Das Gepäck die ersten Kilometer leicht. Das Gewicht abgelenkt durch die Wapitibullen in der morgennebligen Niederung, die frechen Streifenhörnchen und Skipmunks in den Tannen. Aber irgendwann sind sie wieder da, die Schulterriemen, die Druckpunkte auf den Hüftknochen. Dann wieder kurz vergessen bei den Bachüberquerungen auf den schiefen und bisweilen glatten Baumstämmen über die Bowen Gulch. Blumenwiesen auf den Lichtungen, rot, violett und orange. Schillernde Pfeile schwirren darüber, Kolibris. Die Farbenpracht ist gut gegen schweres Gepäck.

Oberlauf des Colorado
Oberlauf des Colorado

Die Kiefern sind schon lange hinter uns geblieben, und auch die Fichten fangen an, sich rar zu machen. Ein freundlicher Hain oberhalb einer Feuchtsenke soll uns heute Schutz vor Wetterunbilden sein. Auspacken, Essenaufhängen, die Sonne genießen, im Schatten frösteln, ein wenig lesen.

Eine Nachmittagswanderung durch üppig blühende Blumenwiesen, Tundravegetation. Weiß, rot, gelb, das zarte Lila einer Akelei. Frisch abgetaute Flächen mit ersten Keimblättern. Wahrlich, den Sommer gibt es hier kaum. Wir haben Hochsommer und finden uns in einer frühen Frühlingspracht wieder, die in nicht allzu langer Zeit vom ersten Schnee bedeckt sein wird. Gluckernde Bäche und Rinnsale von den höher gelegenen Schneefeldern, leuchtend grüne Moospolster, Kräuter, Blumen, Farben überall.

Oben der Ruby Lake mit glasklarem Wasser und sich an den Boden schmiegenden Wacholder- und Fichtenbüschen, grau glänzendes Holz, noch saftig, ein paar Nadeln und schließlich ein Pfeifkonzert sondergleichen. Es sind Murmeltiere, die geschäftig hin und her rennen, sich gegenseitig vor den Eindringlingen warnend. An den Berggipfeln halten sich hartnäckig dunkle Wolken fest. Never Summer, oder wenn doch, dann nur für Momente. Die Berge im Nationalpark glänzen in der Ferne in der Sonne. Auf unserem Abstieg zum Zelt immer wieder der Versuch, keine Blumen zu zertreten, ein Ansinnen ohne Aussicht auf Erfolg, alles begutachtet von einer Herde Bighornschafe, die sich an eben dieser Pracht gütlich tun. Die ersten Wolkenfetzen haben sich losgerissen und überziehen uns mit kurzen Regenschleiern. Kochen, Essen, Zähneputzen und alles gleich wieder verstauen und zwischen den Bäumen hochziehen.

Rocky Mountain Nationalpark Bighorn Flats
Rocky Mountain Nationalpark Bighorn Flats

Die Schatten werden länger, irgendwann fängt alles an, selbst Schatten zu werden. Die Dämmerung verwandelt die Farben und Kontraste des Tages in weiche, aufeinander abgestimmte Schattierungen in braun, grau und grün. In die feuchte Senke unter uns zieht ein Elch ein, irgendwann nur noch ein riesiger, buckliger Schatten, friedlich äsend, dann urplötzlich den massigen Kopf hebend, witternd, lauschend, ein paar Schritte im seichten Wasser. Der Kopf senkt sich wieder. Wir sitzen ganz still und staunen. Schließlich beginnt die Kälte, den Rücken hinaufzukriechen, und es ist ein sehr friedvolles Gefühl, sich in solch wunderbarer Nachbarschaft zu wissen, während wir uns ganz still zum Schlafen legen.

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