Reisen in Nordamerika – Der Prince-Albert-Nationalpark in Saskatchewan – Kanada

Ein Reisebericht von Volker Otter

Der Prince Albert Nationalpark

Der Prince-Albert-Nationalpark mit einer Fläche von 3875 Quadratkilometern ist neben dem Wood Buffalo Nationalpark in Alberta das einzige Schutzgebiet, das die ansonsten durch landwirtschaftliche oder forstwirtschaftliche Nutzung weitgehend zerstörte Übergangszone von Prärie zu borealem Nadelwald unter Schutz stellt und somit die Reste eines eigenständigen Ökosystems der Prärien für die Nachwelt bewahrt.

Biberparadies
Biberparadies

Die großen Wälder des Nordens treffen hier auf die Prärien des Südens. Während im Norden des Parks tiefer Nadelwald mit unzähligen größeren und kleineren Seen und Flüssen das Bild prägt, ist der südwestliche Teil des Parks Heimat einer frei umherziehenden Bisonherde von über 200 Tieren, die 1969 im Park wieder angesiedelt wurden. Im südwestlichen Drittel geht borealer Nadelwald in lichten Espenwald über, welcher sich immer wieder zu kleineren und größeren Lichtungen öffnet und Ausblicke auf die Prärien der Übergangszone (fescue grasslands) und weite Feuchtwiesen ermöglicht, was der leicht hügeligen Landschaft fast einen parkähnlichen Charakter verleiht, der im Herbst durch die Farbenpracht des gelben Espenlaubes gegen den blauen Himmel noch verstärkt wird.

Ebenso wie hier die Landschaften ineinander übergehen und sich miteinander vermischen, finden sich auch Tiere der Prärien und der nördlichen Wälder in unmittelbarer Nachbarschaft wieder. Kojote, Bison, Dachs, Weißwedelhirsch, Marder, Schwarzbär, Otter, Biber, Luchs, Timber Wolf, Wapiti, Elch, Fuchs, Waldland-Karibu, Adler und Fischadler, Weißer Pelikan (Kanadas zweitgrößte Brutkolonie am Lavallee Lake) und über 200 andere Vogelarten nennen den Park ihre Heimat.

Abends fliegen die Gänse ein
Abends fliegen die Gänse ein

Die Geschichte des Prince Albert Nationalparks

Die Geschichte des Parks begann vor vielen tausend Jahren, als die Gletscher dreier Eiszeiten das Land unter einem bis zu 1600 Meter dicken Eispanzer begruben und formten. Die Becken der unzähligen Seen wurden ausgeschürft, einst mächtige Urströme wurden zu heutigen Kleinflüssen, die sich von einem See in den anderen ergießen. Das Gewicht des Eises ließ das feuchte Tiefland entstehen, und das ausgehobene Erdreich und Geröll wurde zu den Moränenhügeln des Hochlandes zusammengeschoben. Die ersten Menschen kamen vor ca. 6000 Jahren in das Gebiet des heutigen Nationalparks und sind bis heute geblieben. Bis dato leben diverse Ureinwohnergemeinschaften mit starken kulturellen und spirituellen Bezügen zu diesem Teil des Landes in unmittelbarer Nähe des Parks.

Die ersten Weißen, die in dieses Gebiet kamen, waren höchstwahrscheinlich durchziehende Trapper und Händler, die im 18. Jahrhundert mit den ansässigen Cree Handel trieben. Erst 1886 errichtete die Hudson Bay Company eine feste Handelsstation am Waskesiu Lake, die bis 1893 bestehen blieb. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Rohstoff Holz entdeckt und auch auf dem Gelände des heutigen Parks in großem Maße ausgebeutet und gerodet. 1913 wurde dann mit dem Sturgeon River Forest Reserve das Waldland des südlichen Drittels des Parks unter Schutz gestellt. Große Waldbrände im Jahre 1919 beendeten die kommerzielle Rodung des Waldes schließlich. Dafür erlebte die kommerzielle Fischerei in den zwanziger Jahren ihren Höhepunkt und wurde erst 1961 ganz eingestellt.

Der Prince Albert Nationalpark wurde 1928 zu einer Zeit gegründet, in der sogar die große, unermessliche Wildnis des Nordens zu verschwinden schien. Die Zeit der großen Kanuflotten auf den Flüssen und Seen, der gewinnbringenden Fallenstellerei, kurz, das Leben der „Letzten Grenze“ war vorbei. Die Biber waren der Ausrottung nahe, der Pelztierbestand absolut überjagt, der Wald wurde im großen Stil gerodet, Flüsse durch Dämme gezähmt, der Wildnis Ketten angelegt.

Morgennebel am Sturgeon River
Morgennebel am Sturgeon River

Ein Mann, der selbst Fallensteller, Jäger, und somit selbst Teil der „Letzten Grenze“ gewesen war und dadurch wie kein anderer auf den drohenden Verlust des Erbes der großen Wildnis im Norden hinweisen konnte, war Archie Belaney oder wie er sich selbst nannte, Grey Owl. Er lebte in den 1930ern im Prince-Albert-Nationalpark und wurde Symbolfigur für ein wiedererwachendes Verständnis von Natur und Naturschutz. Archie Belaney wurde im September 1888 in Hastings, England geboren und wanderte 1905 nach Kanada aus. Dort schlug er sich zunächst mehr schlecht als recht durch, bevor er Fallensteller, Spurenleser und Jäger und schließlich, von den Ojibway-Indianern aufgenommen, zum „Weißen Indianer“ wurde. Von nun an begann Belaney seine alte Identität abzustreifen und Wäscha-kwonnesin bzw. Grey Owl zu werden, in einer Zeit, in der die alten Tage der großen Wildnis zu Ende gingen und die Jagdgründe der Indianer immer systematischer zerstört wurden.

1928 gab er die Jagd und die Fallenstellerei auf und wurde zum maßgeblichen Vordenker des Naturschutzes seiner Zeit. Er begann zu schreiben und fand mit seinen Büchern und Vorträgen ein weltweites, überwältigendes Echo. Aus dem Jäger war ein Schriftsteller und Naturphilosoph geworden, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, auf den Verlust eines Welterbes aufmerksam zu machen und ein Bewusstsein für dessen Wert zu schaffen. Besonders durch sein Bemühen, den von totaler Überjagung fast ausgerotteten Biber zu retten, wurde der Dominion Park Service auf ihn aufmerksam und beauftragte ihn in den dreißiger Jahren, die beinahe erloschene Biberpopulation des Prince-Albert-Nationalparks wieder aufzubauen und zu stabilisieren. Am Ajawaan Lake lebten er und seine Frau in einem einfachen Blockhaus, das direkten Zugang zu einer Biberburg hatte.

Grey Owl starb 1938 in Prince Albert und ist unweit seines Blockhauses am Ajawaan Lake neben seiner Frau und seiner Tochter begraben. Seine Bücher werden bis heute gelesen. Sein Leben ist eng mit dem Werden des Prince Albert National Parks verbunden. Die kleine Hütte am Ajawaan Lake ist heute Gedenkstätte für den Vordenker des Naturschutzes in einer kritischen Zeit und einen Mann mit einer besonderen und bewegten Geschichte.

Wer heute durch das Espenpark- und Prärieland in die dunklen Nadelwälder hinein und an unzähligen Seen vorbeiwandert, wird nichts Spektakuläreres entdecken als eine Wildnis, die den Herzschlag der unschätzbar wertvollen Überbleibsel der südlich anschließenden Prärien und der endlosen Wälder des Nordens in sich trägt und in allem, was man vorfindet, leise vibriert.

Übergangsland Prärie-Wald
Übergangsland Prärie-Wald

Aktivitäten:

Der Prince Albert National Park bietet entsprechend seiner natürlichen Vielfalt verschiedene Outdoor-Aktivitäten. Mehrere Kanurouten erschließen hauptsächlich den von großen und kleinen Seen und Flüssen durchzogenen Norden des Parks. Das populärste Gebiet ist dabei wohl die Gegend um den Kingsmere- und Ajawaan Lake. An letzterem befindet sich das Blockhaus von Grey Owl. Es lässt sich sowohl über den Wasser- als auch den Landweg erreichen. Backcountry Zeltplätze befinden sich in der Nähe. Campen direkt am Blockhaus ist verboten.

Die meisten Wanderwege sind historische Verbindungs- und Versorgungsrouten aus der Entstehungszeit des Parks zwischen den einzelnen Ranger Stationen. Sie machen es relativ einfach, das ansonsten undurchdringliche Terrain zu erschließen. Letztlich wurden die Routen aus rein praktischen Überlegungen angelegt und nicht um die Schönheit des Landes zu erschließen. Entsprechend eintönige Passagen in der Wegführung müssen u.U. in Kauf genommen werden. Der Südteil des Parks ist ausschließlich zu Fuß zu erkunden. Im Winter gibt es im ganzen Park gute Cross Country Ski Routen.

Zugang:

Der Hauptanlaufpunkt im Park ist das Örtchen Waskesiu am gleichnamigen See. Waskesiu liegt ca. 85 Kilometer nördlich von Prince Albert (Busverbindung nach Saskatoon) und wird von dort über die Highways 2 und 263 oder 264 erreicht.

Informationen und Campingplätze:

In Waskesiu befindet sich das Visitor Center und bietet ausführliche Informationen zum Park. Wenn nicht schon in Saskatoon oder Prince Albert erledigt, so bekommt man hier die notwendige Wanderkarte und aktuelle Auskünfte. Ein Campingplatz in unmittelbarer Nähe, sowie eine Jugendherberge, teurere Unterkünfte und ein kleiner Laden befinden sich vor Ort. Im Sommer ist der Campingplatz oft sehr schnell ausgebucht, so dass man u.U. auf die kleinen einfachen Plätze in der Nähe ausweichen muss.

Informationen im Internet

Touristeninformation Prince Albert Nationalpark

 

On the Road Geschichte: Bisonrhythmus

Die Abendsonne taucht das erste Espengelb des Spätsommers am Rande der Prärielichtung in ein warmes Orange eines kommenden Herbstes inmitten der großen Wälder. Zwei Biber bauen ihr Kunstwerk, das einen kleinen Bach in eine Seenlandschaft verwandelt. Es ist Frieden auf der Lichtung. Die Sonne geht unter, und ein Krachen im Unterholz kündigt an, dass ich nicht allein sein werde heute Nacht. Aus der Dämmerung des Waldes schiebt sich langsam äsend die Silhouette eines Bisons ins Bild.

Furcht ist das Erste, was mich beschleicht, Furcht und Faszination. Ich beginne, mich zaghaft bemerkbar zu machen. Mit wem rede ich, mit mir, mit ihm? Langsam hebt er den schweren Schädel, nimmt mich wahr, interessiert sich nicht weiter für mich. Bange ziehe ich mich wieder neben und später in mein Zelt zurück. Er ist so groß, der da nur zwanzig Meter von mir entfernt seine Kreise auf der Lichtung zieht und durch das Mückennetz als großer, furchteinflößender, schwarzer Schatten erscheint. Das Geräusch reißender Pflanzenfasern und das mahlende Geräusch der Kiefer, das sanfte Schnauben und Atmen, das gelegentliche Grunzen und meine Müdigkeit fangen an, sich zu einem magischen Rhythmus zu vereinen, der mich schläfrig werden lässt. Während ich einschlafe, fällt die Furcht langsam von mir ab, und ein friedvolles und dabei wachsames Gefühl mischt sich in den Rhythmus. Er dort draußen und ich hier drinnen, nebeneinander.

Hier sind die Bisons noch nicht an Menschen gewöhnt
Hier sind die Bisons noch nicht an Menschen gewöhnt

Wir wissen beide, dass wir da sind, ganz dicht beieinander, so dicht, dass er meine Zeltschnur streift und mich aus dem ersten Schlaf senkrecht in meinem Schlafsack katapultiert, mein Puls hämmert. Und doch bleibt der Rhythmus derselbe. Gras, das reißt und zermahlen wird, sanftes Schnaufen, leises Grunzen, Atem, der sich auf dem Boden verliert. Langsam entfernt er sich. Und wieder ist der Friede greifbar und eine unbändige Freude über das Wissen, dass wir da sind, nah beieinander, ohne uns fürchten zu müssen, während die Wachsamkeit anhält und meinen Respekt vor der Wildheit meines Nachbarn noch verstärkt. Der Rhythmus bleibt wie ein gemeinsamer friedenstiftender Herzschlag und ich schlafe wieder ein. Ich wache auf, und er ist gegangen. Der Rhythmus bleibt wie ein geteilter Herzschlag.

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