Ein Reisebericht von Volker Otter
Die Geschichte des Grasslands National Park
Der Grasslands National Park scheint nach wie vor ein gut behütetes Geheimnis Kanadas zu sein und stellt dabei doch eines der größten, zusammenhängenden Gebiete mit ursprünglicher und unzerstörter Kurz- und Mischgrasprärie in Kanada dar. Der Park besteht aus einem West- und einem Ostblock.
1988 wurde das Gebiet des Frenchman River Valleys (Westteil) und der Killdeer Badlands (Ostteil) in einem Abkommen zwischen Kanada und der Provinz Saskatchewan für die Entstehung eines Nationalparks das erste Mal definitiv ins Auge gefasst. Seitdem ist die Fläche sukzessive auf die ursprünglich geplanten 907 Quadratkilometer durch freiwillige Landverkäufe an Parks Canada gewachsen. Die Akzeptanz der ansässigen Bevölkerung wurde großgeschrieben. Diese schien in Bezug auf den entstehenden Nationalpark allerdings zwiegespalten zu sein. Während eine Fraktion auf den Tourismus setzte, empfanden alte Rancherfamilien all das „ungenutzte“ Land als eine Verschwendung.

Der relativ gut zu erreichende Westblock nahe dem Örtchen Val Marie lädt einen in das weite Tal des Frenchman Rivers ein, einen einst mächtigen, glazialen Urstrom, der den breiten Talgrund mit seinen verwunschenen Coulees, aufragenden Buttes und den offenen Plateaus geprägt hat und heute die nur spärlich lehmiges Wasser führende Lebensader des Parks und der umliegenden Prärien ist.
Der 70 Mile Butte ist die höchste Erhebung im Westteil des Parks und erhebt sich ca. 100 Meter über den Talgrund. Von hier hat man einen wunderbaren Blick und kann die Erhabenheit des Landes auf sich wirken lassen. Der Name stammt aus der Zeit, als die North West Mounted Police diese Gegend kontrollierte, um etwaige Konflikte zwischen Indianern und Siedlern zu verhindern. Der 70 Mile Butte liegt 70 Meilen von Wood Mountain entfernt auf dem alten Patrouillenpfad nach Fort Walsh und birgt in seinem Namen somit eine Erinnerung an die große Geschichte der „Mounties“. Der Westteil des Parks ist ein Überbleibsel des endlosen Meeres aus Gras, das sich heute in das Korsett einer ansonsten landwirtschaftlich geprägten Landschaft pressen muss, kaum erkannt in seiner Schönheit und seinem Wert. Weniger als ein Viertel der Mischgrasprärien Kanadas befinden sich nach anderthalb Jahrhunderten landwirtschaftlicher Nutzung noch in einem naturnahen Zustand.
Der abgelegene Ostblock nahe des Wood Mountain Post Provincial Historic Parks repräsentiert einen Teil des Wood Mountain Hochlandes. Hier wechseln sich tief eingeschnittene, bewaldete Coulees mit freien Prarieflächen und den Killdeer Badlands ab, die einem unmittelbare Einblicke in die Erdgeschichte gewähren. Nicht umsonst wurden hier 1874 die ersten Dinosaurierfunde im westlichen Kanada entdeckt. Die Morgen- und Abendstunden lassen die Farbgewalt der unterschiedlichen Sedimentschichten kraftvoll zu Tage treten. Dieses abseits gelegene Land an der einzigen zuverlässigen Wasserader zwischen dem South Saskatchewan River und dem Milk River in Montana war seit jeher von Menschen genutztes Land. Von den großen Bisonherden als wichtiger Weidegrund genutzt, war es gleichermaßen Lebensraum der Vorfahren der heutigen Assiniboine, Cree, Gros Ventre und Blackfeet, wie auch der Métis, die im neunzehnten Jahrhundert hier lebten. Unzählige Tipiringe und Medizinräder aus Steinen, auf den Boden gezeichnet, Funde von Gebrauchsgegenständen und von Menschen aufgebrochene Bisonknochen lassen einen heute in die menschliche Geschichte zurückblicken, wenn man vor einem der vielen Tipiringe steht und anfängt, über Vergangenes und Gegenwart nachzudenken.

Sitting Bull lebte nach der Schlacht am Little Bighorn mit seinen Anhängern in diesem Land in der Zeit seines kanadischen Exils. Später kamen dann die Siedler, die durch die freie Vergabe von Land, wenn man nur jedes Jahr mindestens 4 ha kultivierte, magisch angezogen wurden. Die Bisonherden verschwanden und mit ihnen über die Jahrzehnte ein Großteil des einst endlosen Grasmeeres und die ihm so angepasste Lebensweise der Ureinwohner und der Métis, die ihre Wurzeln aus französischen und indianischen Vorvätern und -müttern zu einer eigenen nomadischen Kultur entwickelt hatten.
Der zerschlagene Aufstand der Métis und befreundeter indianischer Gruppen gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen unter der Führung Louis Riels besiegelte das Ende der alten Tage und manifestierte gleichzeitig bis heute die Stärke und Willenskraft einer jungen Kultur, entstanden aus der Synthese europäischer und indianischer Kultur. Nur in diesem kleinen Teil des großen Landes, am Frenchman River, hielten sich die Tage der „Open Range“ etwas länger als anderswo und verhalfen dem heutigen Nationalpark zu dem, was er ist, ein unzerstörtes, von landwirtschaftlicher Nutzung weitgehend verschont gebliebenes Stück Prärie, wie es immer schon da war und immer sein wird.
Das weite, endlose Tal des Frenchman Rivers, die schattige und versteckte Welt der Coulees, die offenen Plateaus und die bizarre Welt der Badlands bieten einer sonst verloren gegangenen Artenvielfalt ein zu Hause. Über 36 seltene Pflanzenarten wurden hier identifiziert, über 40 Grassorten, Bäume und Büsche wie Espe, Esche, Weide, Ulme, Wacholder, Pappel, Buffalo Berry, Flechten, Moose, Kakteen und eine Wildblumenpracht im Frühjahr sondergleichen, sowie eine einzigartige Singvogelwelt, bedrohte Greifvögel (Peregrine Falcon, Ferruginous Hawk, Golden Eagle), Erdeule, Weiße Pelikane, Schildkröten, Prärieklapperschlangen, Hirsche, Coyoten und Antilopen sind im Nationalpark zu Hause.
Darüber hinaus ist der Grasslands National Park der einzige Ort in Kanada, an dem der schwarzschwänzige Präriehund noch in freier Wildbahn beobachtet werden kann. Der Swift Fox wurde mit ersten Erfolgen wieder ausgewildert, nachdem er in den 1930ern ausgerottet worden war. Der Park liegt etwas abseits der Hauptreisewege, ist aber voll von Geheimnissen, die es zu lüften gilt. Hat man einmal den Weg hierher gefunden, lassen sie einen nicht mehr los.

Aktivitäten:
Der Grasslands National Park ist touristisch relativ unentwickelt, abgesehen von jeweils gut eingerichteten Campingplätzen im Ost- und Westteil . Es bieten sich Tagestouren und Querfeldein-Mehrtagestouren mit Wildnischarakter an. In den an die Campingplätze angrenzenden Gebiete gibt es markierte Wanderwege. Im Visitor Center in Val Marie erhält man eine einfache Übersichtskarte und weitere Informationen. Für Backcountry-Übernachtungen muss man sich registrieren lassen.
Zugang:
Der Westteil des Parks bei Val Marie ist von der Amtrak-(Zug-)Station in Malta (Montana) bzw. Swift Current (Überlandbusstation) am Trans Canada Highway über den Highway 4 mit Auto erreichbar. Der Ostteil ist über den Highway 2 bzw. 18 und den Wood Mountain Post Provincial Historic Park zu erreichen. In beide Teile gelangt man jeweils über bei Regen z.T. unpassierbare Gravelpisten.
Informationen und Campingplätze:
In Val Marie und im Wood Mountain Post Provincial Historic Park gibt es je einen ruhigen Campingplatz. Außerdem verfügt jeder Parkteil über einen schönen Campingplatz. Die Plätze kann man online buchen.
Das Visitor Center in Val Marie verfügt über gutes Informations- und Kartenmaterial zur Übersicht. Hier lassen sich auch aktuelle Informationen über die Zufahrtswege einholen. Außerdem bietet das Prairie Wind & Silver Sage Cafe einen kulturellen Mittelpunkt mit kleiner Gastronomie, einem kleinen und gut sortierten Buch- und Souvenirladen und Museum in Val Marie. Im Ostteil dient der Rock Creek Campground als „Mini“- Visitor Center.
Im Park selbst kann man sich seinen Backcountry-Campingplatz suchen, vorausgesetzt, man hält Abstand zu den Straßen und alten Ranchüberbleibseln, respektiert Privatland und ist ohne Auto unterwegs. Der Verzicht auf ein Lagerfeuer und sauberes Campen werden vorausgesetzt.
Informationen im Internet
On the Road Geschichte : Malta in Montana und Zwei Bäume in Saskatchewan
Ich bin aus dem Zug gestiegen, freiwillig. Der Wind pfeift hier so eigenartig durch die leeren Straßen und zerzausten Bäume am Fluss, zerrt an der alten Brücke, die seit Jahren schon vor Rost starrt und gesperrt ist. Den trüben Milk River darunter kümmert all dies nicht. Wo ist Malta, was ist Malta? Ein kleiner Flecken in der Weite Montanas, dem die Jungen davonlaufen, durch den man reist, ohne ihn zu registrieren, in fünfzig Jahren vielleicht ein Geisterort wie die, die am Zugfenster in den Grashügeln vorbeiflogen. Die Bäume im Stadtpark rauschen immer noch, unheimlich ein wenig und schön. Ein Mann fragt mich nach dem Woher und Wohin. Wohin? In die Grasslands? Nichts als Prärie dort. Ein komischer Kauz, wer da hin will, ohne Auto, wo ist dein Auto? Na, dann Prost. Wir trinken ein Bier gemeinsam, während es anfängt zu nieseln, der Mann zusieht, dass er nach Hause kommt und ich die frische Salbeiluft atme, die von der anderen Seite des Flusses herüberweht.
Vom Straßenrand an der Kreuzung nach Norden zur Grenze sehe ich am nächsten Morgen die Grashügel sich wie Berge bis zum Horizont auftürmen unter einem endlosen Himmel mit schweren Wolken.
Die Grenze verläuft einzig in der Vorstellung wie schnurgerade über die Landkarte gelegt. Und wäre da nicht das kleine Grenzerhäuschen mit den gemütlichen Beamten, die sich meiner persönlich und mit Kaffee annehmen und einen Lift mit einem der selten vorbeikommenden Autos (man kennt und grüßt sich hier) organisieren, würde ich über die Absurdität einer Grenze in dieser grenzenlosen Weite lauthals lachen müssen.

Two Trees Interpretive Trail, Grasslands National Park: Two Trees. Zwei Bäume, die mich festzuhalten scheinen, die mir Schutz und Trost gewähren wollen. Zwei Bäume, aus deren Schatten ich mich langsam erst heraustraue, um mich Stück für Stück an den so gnadenlosen Himmel zu gewöhnen, der wie das „Auge Gottes“ über allem wacht und alles sieht. Langsam nur wage ich mich hinaus in die Prärie, und der weite Himmel wird auf einmal wunderbar. Kein Grund mehr, sich zu verstecken, je weiter ich im Land verschwinde, in den Morgennebeln und den Rufen der Antilopen unten am Fluss aufgehe und nachts aufwache, um sicher zu gehen, dass der Mond immer noch genau so herrlich am Himmel steht, wie abends, als ich eingeschlafen bin.
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