Ein Reisebericht von Volker Otter
Die Geschichte des Glacier National Park
Der 1910 gegründete, 3975 Quadratkilometer umfassende Park stellt die nördlichste Kette der Rocky Mountains der USA unter Schutz. Die Landschaft ist weniger von heute existierenden Gletschern, als vielmehr von der Tätigkeit vergangener Gletscher geprägt: Bergseen, vom Wasser zurückweichender Gletscher gespeist, von Gletscherzungen ausgeschürfte Täler, trichterförmige Gebirgsbecken und vieles mehr offenbart sich dem Betrachter auf seine eigentümliche Weise.
Wie fast alle Gebiete der Rocky Mountains hat auch dieser Teil des Felsengebirges eine weit zurückreichende Geschichte. Der Schöpfungsmythos der Blackfeet ist eng mit dem Gebiet des heutigen Parks und der umliegenden Wildnisgebiete verbunden.

Die ersten Europäer kamen am Anfang des 19. Jahrhunderts in dieses Gebiet, so auch Lewis und Clark auf ihrer legendären Expedition von 1805. Dadurch bekamen die ansässigen Stämme und besonders die Stämme der Blackeet-Konförderation schnell die militärische Dominanz der Vereinigten Staaten zu spüren. In einer Reihe von Verträgen wurden die Blackfeet in immer weiter schrumpfende Reservationen gezwungen. Um schließlich auch die Berge wirtschaftlich ausbeuten zu können, in denen Erzvorkommen vermutet wurden, wurde 1896 in einem vermutlich manipulierten Abkommen zwischen den Blackfeet und der Regierung ein „Verkauf“ des westlichen Reservationsstreifens vereinbart. Dieser Streifen erstreckt sich heute über den östlichen Teil des National Parks und die südlich angrenzenden Wildnisgebiete. Diese sind bis heute unmittelbar mit dem kulturellen und religiösen Leben vieler Blackfeet verbunden. Der Kampf um den Erhalt dieses Landes hält bis heute an. Immer wieder gibt es Versuche verschiedener Ölkonzerne, Lizenzen zur Förderung der hier vorhandenen Ölvorkommen zu erlangen. Gelänge dies, so wäre ein einzigartiger Wildniskomplex in akuter Gefahr und mit ihm das uralte kulturelle und religiöse Erbe seiner Ureinwohner.
Der Großteil des in National Forests und verschiedene Wildnisgebiete eingebetteten Parks besteht aus unberührter Wildnis mit einer einzigartigen Vegetation und einer sonst kaum mehr anzutreffenden Vielfalt an Wildtieren.
Besonders in den westlichen Höhenlagen herrscht ein von der relativen Pazifiknähe geprägtes Klima mit hohen Niederschlägen vor. Entsprechend konnten sich hier ausgedehnte Wälder aus Lärche, Douglastanne und Lodgepolekiefer neben farbenprächtige Bergwiesen entwickeln. Im Mc Donald Valley finden die Hemlocktanne und die Rotzeder (red cedar) ihre östlichste Verbreitungsgrenze.
Der Glacier National Park hält aber noch mehr bereit für diejenigen, die bereit sind, den Park mit offenen Augen und etwas Geduld zu besuchen: die Gewissheit, das Land mit seinen wilden Bewohnern für einen Augenblick respektvoll zu teilen.
Tiere, die vor hundert Jahren fast ausgerottet waren, haben sich hier halten können oder wurden wieder angesiedelt: Neben Dickhornschafen, Bergziegen, Murmeltieren, Bibern, Ottern, Mardern, Elchen (moose), Wapitis (elk), Maultierhirschen (mule deer), Kolibris (Hummingbird) Lachs und Adlern finden sich auch Schwarz- und Grizzlybären sowie Berglöwen.
Ist die erste Orientierung gefunden, bietet der nächste Morgen genau den richtigen Zeitpunkt, um mit oder vor der Sonne aufzustehen und eines der letzten großen Wildnisgebiete in den USA hautnah zu erkunden und zu erleben. Und obwohl es jeden Sommer wieder so viele Menschen in den Park zieht, gibt es genügend Raum, die Stille, Schönheit und Spannung der Wildnis zu entdecken und zu genießen.

Aktivitäten:
Durch den Park führen 1200 Kilometer an Wanderwegen, genug für diejenigen, die über Tage hinweg mit großem Gepäck die Täler und Höhen des Parks erkunden wollen, genug aber auch für die, denen eine geruhsame Tageswanderung vollkommen ausreicht, entlang an Seeufern und klaren Bächen oder hinauf zu den Gipfeln.
Zugang:
Die Hauptzugänge zum Glacier National Park liegen auf der nordöstlichen Seite in St. Mary am Highway 89 und auf der südwestlichen Seite in Apgar am Highway 2. Der Glacier Nationalpark ist der einzige US-amerikanische Nationalpark, der direkt auch per Eisenbahn (Amtrak) erreicht werden kann. Der „Empire Builder“ hält auf seinem Weg von Seattle nach Chicago in East und West Glacier, letzteres ist nur ca. vier Kilometer von Apgar entfernt.
Informationen und Campingplätze:
Die Besucherzentren in Apgar, St. Mary und am Logan Pass bieten alle Informationen über den Park und seine Geschichte, Ökologie und Tourismusmanagement, sowie aktuelle Hinweise zu Wetter und Verhaltensmaßregeln in Gefahrensituationen (Wetterumschwünge, Selbstüberschätzung, Bären und Berglöwen etc.). Hier bekommt man auch eine Backcountry-Erlaubnis, möchte man über Nacht im Hinterland auf einem der einfachen Backcountry-Zeltplätze bleiben. Ein ausführlicher Stopp lohnt sich allemal, vielleicht im Zusammenhang mit einem letzten Kaffee vor der Tour, einem Eis und einem kleinen Spaziergang. Auf den regulären Campingplätzen, die sich im Sommer ab vormittags rapide füllen, kann man abends mit Rangern und anderen Leuten im Rahmen der „Campfire Programs“ ins Gespräch kommen.
Informationen im Internet
On the Road Geschichte: Salz und Singen
Schweiß. Schweiß beißt in den Augen, lässt das Gesicht unter einer zarten Kruste aus Salz und Staub sich rissig anfühlen. Die Arme, die Beine, die Hände schimmern feucht und sommerbraun. In der Augusthitze raste ich an einer Wegkehre. Ich sitze auf meinem Rucksack, genieße meinen Herzschlag, genieße meinen Schweiß, meinen Duft nach frischer Luft und etwas Lagerfeuerrauch. Der ist gut. Lasse den einen oder anderen Wanderer vorbei, habe keine Eile. Lausche. Ein Surren, Brummen, wie eine Quartettkarte, die ich als Kind zwischen meinen Fahrradspeichen mit einer Wäscheklammer befestigt hatte, um Rennfahrer zu spielen. Ein beigebunter Schatten, der zuerst den Indian Paintbrush am Wegesrand umschwirrt, dann mich. Stille. Stillhalten. Ein Kolibri schwirrt über meinem Stiefel und lässt sich das Salz in den Schnürbändern, meinen Schweiß schmecken, fliegt wieder auf, umrundet mich und den Paintbrush, kommt wieder, um sein Mahl fortzusetzen, bevor er dann endgültig brummend davonfliegt. Ein Moment ehrfürchtigen Staunens ob dieser kurzen Begegnung. Ich schultere meinen Rucksack, um nicht zu spät am Lake Ellen Wilson anzukommen, und wundere mich.

Das erste Mal in den Rockies. Der Rat des Rangers, der mich zum Trailhead mitgenommen hat, klingt noch in den Ohren: Lärm machen. Am Seeufer des Lake Mc Donald soll sich ein Bär herumtreiben, unklar, ob Schwarzbär oder Grizzly. Spannung, Angst. So wandere ich und singe. Volkslieder, die ich in der Grundschule im Chor gelernt habe, Folksongs aus meiner Jugendzeit, Melodien ohne Text und Eigenkompositionen. Ich bin allein, keiner hört mich. Ich weiß nicht, ob ich gut singen kann und bin auch ganz froh darüber, dass niemand da ist, es mir zu sagen. Zwischendurch beschließe ich, mich mit Mückenöl einzureiben. Die Mücken sind übel, und es ist heiß, zu heiß für lange Kleidung. Ich mag das Mückenmittel nicht auf meiner Haut, was da wohl alles drin ist, denke ich singend, laut redend. Eine Bewegung, noch entferntes Knacken, mein Puls schnellt hoch. Dann eine khakifarbene Uniform mit dem Abzeichen des National Park Service. Ein patrouillierender Ranger. Ich frage ihn, ob er ein Bär sei. Er sagt, nein, dass ich aber schön und laut singen würde, und das sei gut so. Er kontrolliert meine Backcountry Erlaubnis, die an meinem Rucksack baumelt und stellt fest, dass ich die Mücken ja anscheinend ganz gelassen nehme. Zirka zwei Kilometer vor mir liefe ein junges Paar, das offensichtlich nur wenig Spaß hätte, wild mit Händen und Tüchern um sich schlagend. Aber ich würde sie ja noch kennen lernen, da sie den gleichen Backcountry-Zeltplatz hätten wie ich. Wir unterhalten uns ein Weilchen, dann muss er weiter und wir sind beide sicher, dass ich noch viel Spaß und Spannung haben werde, wenn ich weiter so schön singe.

Wenn dir diese Reisegeschichte gefallen hat, dann freuen wir uns über einen Kommentar von dir.
