Reisen in Nordamerika – Der Badlands National Park und die Buffalo Gap National Grasslands in Süd-Dakota – USA

Ein Reisebericht von Volker Otter

Die oftmals bizarr anmutenden Formen der Badlands zusammen mit den endlosen Prärien der Buffalo Gap National Grasslands, des Sage Creek Gebietes und des Conata Bassins inszenieren ein Meisterstück lebendiger Geschichte, einer Landschaft und ihrer Menschen, die auch heute noch einem alltäglichen Wandel durch die Elemente unterliegt.

Wind und Wasser zaubern unglaubliche Formen über Jahrtausende, Jahrhunderte, Jahre und manchmal über Nacht, während nur eines Gewittersturmes. Verworrene Konturen werden in ein Plateau aus weichen Sedimentschichten gegraben und geschnitzt, Fossilien, Zeugen vergangenen Lebens, erblicken wieder das Licht der Welt.

Buffalo GAp National Grasslands Kopie
Buffalo Gap National Grasslands

Vergangenes und Gegenwart, Verfall und Neuentstehung

Wo könnten Vergangenes und Gegenwart, Verfall und Neuentstehung sich eindrücklicher bedingen als hier in den Badlands Süd Dakotas?

Endlos scheinende Grasebenen und die steil aufragenden Badlandsformationen schaffen aufregende und sich bedingende Gegensätze, auf der einen Seite nackte und dabei so farbenfrohe Sedimentaufschichtungen, die einen tief in das Herz der Erde blicken lassen, auf der anderen Seite das verflochtene Ökosystem der Mischgrasprärien an ihrer westlichen Verbreitungsgrenze.

Mehr als sechsundfünfzig verschiedene Grasarten gibt es in den White River Badlands, jede in ihrer Art über tausende von Jahren spezialisiert auf die hiesigen mikro-klimatischen Bedingungen. Sie bieten die Grundlage für jegliches tierisches und menschliches Leben.

Neben Bisons, Präriehunden, Dachsen, Erdeulen, Gabelhornantilopen, Kojoten, Weißwedel- und Maultierhirschen, verschiedenen Fuchsarten (darunter auch der seltene swift fox), einer vielfältigen Vogelwelt und der Prärieklapperschlange, findet man auch das seltene Bighorn Schaf, den Biber und als besondere, fast verschwundene Art das schwarzfüßige Frettchen.

Sage Creek Valley
Sage Creek Valley

Die Geschichte der Nationalparks Badlands und Buffalo Gap

Mit dem Badlands National Park in seiner Fläche von mehr als 96.000 ha und den ihn umgebenden Buffalo Gap National Grasslands mit ihren insgesamt 236.400 ha ist eines der größten zusammenhängenden ursprünglichen bzw. naturnah genutzten (National Grasslands) Präriegebiete Nordamerikas unter Schutz gestellt worden und mit ihm die Spuren einer wechselvollen, zuweilen tragischen menschlichen Geschichte, die bis heute fortdauert:

Die ursprünglich hier lebenden Arikara wurden wie andere Stämme auch im achtzehnten Jahrhundert von den westwärts drängenden verbündeten Gruppen der heutigen „Great Sioux Nation“ verdrängt. Von der Mitte des achtzehnten bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts waren diese nun die uneingeschränkten Herren der nördlichen Prärien, bis sie von den einströmenden Weißen und einer menschenverachtenden Politik an den Rand ihrer Existenz gebracht wurden.

Camp Justice
Camp Justice

Die Siedler, die durch einige niederschlagsreiche Jahre und erfolgsversprechende pseudo-agrarwissenschaftliche Untersuchungen und Anwerbeaktionen des Staates (homestead act) sowie der Eisenbahngesellschaften angelockt wurden und aus dem eng gewordenen Osten in den Westen drängten, um hier ihr fadenscheiniges Glück zu suchen, hinterließen ihre Spuren in den White River Badlands und in der Mentalität der heute hier ansässigen Farmer und Rancher.

Das Klima war bei weitem nicht dazu geeignet, Kleinfarmern ein Auskommen zu bieten, und so waren spätestens in den Dreißigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts viele ihrer armseligen Unterkünfte wieder verlassen, und Land, das nie hätte gepflügt werden dürfen, der Erosion anheimgegeben. Diejenigen aber, die es verstanden zu bleiben, haben sich zu einem eigenen, manchmal eigenartigen und selbstbewussten Menschenschlag entwickelt.

Diejenigen, die nach den Indianerkriegen des 19. Jahrhunderts fast vernichtet wurden, denen nichts anderes blieb als zu überleben, kämpfen hingegen heute noch um Anerkennung und Gerechtigkeit.

Wounded Knee Massengrab
Wounded Knee Massengrab

Diese Zeit wurde zu einer Epoche des Ethnozids und zu einem dunklen Kapitel amerikanischer Geschichte, an deren Ende das Massaker am Wounded Knee Creek stand, dessen Auswirkungen bis heute in der Pine Ridge Reservation zu spüren sind.

Im Dezember 1890, nach der Ermordung Sitting Bulls, versuchte eine Gruppe von Minneconjou Sioux und Geistertanzanhängern unter dem schwer lungenkranken Häuptling Big Foot, vom Cheyenne River kommend, die Badlands zu passieren. Ziel war es, sich Red Cloud auf der Pine Ridge Reservation anzuschließen und sich unter den „Schutz“ der Regierung zu stellen, anstatt zu erfrieren und zu verhungern. Unweit des Porcupine Creeks hatte sich die Gruppe bereits der Armee ergeben, die sie zum Lager des  siebten Kavallerieregiments am Wounded Knee Creek bringen sollte, um dort entwaffnet werden. Das siebte Kavallerieregiment war jenes, das 1876 unter General Custer in einem letzten Aufbäumen indianischen Widerstandes am Little Bighorn River aufgerieben worden war.

Am Morgen der Entwaffnung wurde das Lager umstellt und die Waffen abgegeben. Dabei löste sich aus ungeklärter Ursache ein Schuss, der das Startsignal für ein erbarmungsloses Gemetzel an weitgehend wehrlosen Menschen gab. Die Indianer wurden mit Karabinern und modernen Hotchkiss-Schnellfeuerkanonen zusammengeschossen. Nach einer Schätzung wurden fast dreihundert der 350 Männer, Frauen und Kinder der Gruppe massakriert. Sie wurden in ein Massengrab am Wounded Knee Creek geworfen.

Wounded Knee liegt heute ungefähr 73 Kilometer südlich des Nationalparks innerhalb der Pine Ridge Reservation und ist und bleibt ein Ort von Ambivalenzen.

Ort eines zweifachen Mordes
Ort eines zweifachen Mordes

Wounded Knee heute

Wounded Knee ist immer noch eine nicht verheilte Wunde in der Seele vieler Indianer. Gewalt, Drogenkonsum, Verfall und Hoffnungslosigkeit ergeben ein oft trostloses Alltagsbild des Reservationslebens. Die Selbstmordrate auf der Reservation ist eine der höchsten in den gesamten USA. Wounded Knee ist heute ein unscheinbarer Ort. Ein kleiner Friedhof auf einer Anhöhe, von der man auf den Ort des Massakers hinabschauen kann, das Massengrab mit Maschendraht eingezäunt, am Draht und auf einigen Gräbern Tabakopfer und Gebetstücher, keine großen Hinweistafeln, kein Rummel, keine Souvenirs, ein trauriger, stiller Ort, der seine Geschichte erzählt.

Wounded Knee ist aber auch ein Ort mit hoher Symbolkraft für den modernen indianischen Widerstand der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts bis heute. Tradition und Widerstand gehen dabei Hand in Hand und halten sich so lebendig.

Allerdings dauert der Kampf um elementare Rechte weiter an. Immer wieder gibt es Rechtsstreitigkeiten um vertraglich zugesicherte Landansprüche, die Frage, warum das FBI  Morde an Weißen wesentlich intensiver verfolgt als Morde an Indianern. Fälle wie die der zwei Lakota zwischen Pine Ridge und dem nahen Örtchen White Clay auf der anderen Seite der Reservationsgrenze in Nebraska, die man zusammengeschlagen und von hinten durch den Kopf geschossen im Straßengraben fand, hinterlassen Fragen und sind keine Seltenheit. Aufgeklärt werden diese Taten in der Regel nicht.

Dort zwischen Pine Ridge und White Clay, wo die beiden Toten gefunden wurden, entstand1999 das Camp Justice, ein Protestcamp, um gegen die Missstände von Gewalt, Drogenkonsum und desaströsen Alkoholverkauf in den vielen kleinen Orten direkt außerhalb der Reservation wie White Clay und anderswo zu demonstrieren und für die eigenen Rechte zu streiten. Erst im Jahr 20217 entschied der Supreme Court des Staates Nebraska, dass die vier Liquor Stores in White Clay endgültig schließen mussten.

Das Problem des Drogenkonsums und der generationsübergreifenden Alkoholabhängigkeit bei einer 80%iger Arbeitslosigkeit war damit zwar nicht gelöst, die Schließung der Liquor-Stores aber ein weiterer mühseliger Schritt in Richtung Selbstbehauptung, Recht und Gerechtigkeit in der Reihe so vieler noch zu gehender Schritte. Der lebendige Widerstand ist ein überlebenswichtiger Kontrapunkt zur sonst allzu oft empfundenen Sackgasse von Hoffnungslosigkeit, Abhängigkeit und Depression geworden.

Aktivitäten:

Wandern (auch querfeldein) und Reiten sind in den Buffalo Gap National Grasslands und im National Park die Hauptaktivitäten.

Zugang:

Zu erreichen ist der Fall River District der Buffalo Gap National Grasslands (BGNGL) über die Highways 18, 385, 79 und entsprechende abzweigende Nebenstrassen. Der Wall District (BGNGL) ist genauso wie der Badlands National Park über die Highways 90, 240 und 44 zu erreichen. Die Greyhound Buslinie stoppt in Wall und Rapid City.

Informationen und Campingplätze:

Über die Buffalo Gap National Grasslands informiert man sich in Wall für den östlichen Teil oder in Hot Springs über den Fall River Ranger District, der den westlichen Teil der Grasslands vom Cheyenne River bis zur Grenze von Wyoming abdeckt.

In Hot Springs und in Wall kann man Kartenmaterial und auf besondere Anfrage u.U. sogar Karten (Fotokopien) im Maßstab 1:25.000 bekommen. Die National Grasslands sind touristisch kaum erschlossen.

Im Fall River District, direkt am French Creek befindet sich der einzige, landschaftlich sehr reizvoll gelegene, einfache Campingplatz innerhalb der Buffalo Gap National Grasslands. Wasser gibt es aus dem French Creek oder aus einer Handpumpe auf dem Gelände. Beides sollte zusätzlich desinfiziert werden. Kühe sind u.U. neugierige Besucher. Gleich nebenan kann man an einem Hang mit etwas Glück Achat-Steine finden. Über Backcountry-Zeltmöglichkeiten erkundigt man sich bei den District-Büros.

Informationen über den Nationalpark erhält man in einem der Visitor Center. Das Ben Reifel Visitor Center nebst gut ausgestattetem Campingplatz befindet sich im Nordblock. Alternative Campingmöglichkeiten bietet der einfache Campingplatz in der Sage Creek Wilderness Area. Allerdings gibt es hier kein Wasser, muss also mitgebracht werden. Der Platz ist landschaftlich sehr schön gelegen und füllt sich in der Ferienzeit und an Wochenenden schnell.

Das White River Visitor Center befindet sich auf der Pine Ridge Reservation und bietet Informationen über den südlichen und weniger besuchten Teil des Parks innerhalb der Pine Ridge Reservation, die Stronghold und die Palmer Creek Unit.

Zeltmöglichkeiten gibt es am einen Stopp lohnenden Cuny Table Cafe innerhalb der Pine Ridge Reservationam Hghw.2, der vom Visitor Center nach Buffalo Gap und Hot Springs abzweigt. Hier muss um Erlaubnis gefragt werden, wenn man den Stronghold Table erkunden will, da man dafür Privatland der Familie, die das Cafe bewirtschaftet, überquert. Unter Umständen wird dafür eine „Gebühr“ erhoben.

Informationen im Internet

Nationalparkverwaltung Nebraska

Nationalparkverwaltung Süddakota 

On the Road Geschichte: Stronghold Table

Im Cuny Table Café in der Pine Ridge Reservation. Das Auto, das mich hierhergebracht hat, ist samt seinen sympathischen Fahrern aus dem Schwabenland hinter einer Staubwolke in der Ferne verschwunden. Nun sitze ich hier bei Cola und Indian Fried Bread und überlege, ob ich – eben angekommen – wohl jemals wieder von hier wegkomme. Es ist noch früh. Ich sitze, genieße die Kühle. Zwei alte Indianerinnen, Schwestern, mürrisch und herzensgut. Ob ich heute noch loskomme zum Stronghold Table? Ab und zu Gäste. Staubige Gestalten, Bekannte, Nachbarn, Bauarbeiter, ein grell gekleidetes und geschminktes Touristenpärchen. Ein anderer Reisender. Arthur. Wir freunden uns an. Und wir fahren gemeinsam zum Stronghold Table. Die Sonne steht schon ein wenig tiefer am späten Nachmittag. Holperige Sandwege, vorbei an Rindern, einem Sonnenblumenfeld, einer verfallenen Hütte, einer geschlossenen Holzkirche. Gatter werden geöffnet und wieder geschlossen. Vorbei an den Abbruchkanten des Plateaus. Der Eingang zum Stronghold Table gleicht der Hängebrücke einer mittelalterlichen Burg, steile Abbrüche zu beiden Seiten geben einen vielleicht fünfzig Meter breiten Zugang frei.

Eine Festung. Ein uneinnehmbares Rund, auf dem der indianische Widerstand länger lebte, als sonst wo, ein Rückzugsgebiet der Geistertänzer und auch heute noch ein bedeutungsvoller Ort. Wir kennen uns kaum. Langsame Annäherung und Neugier. Eine gemeinsame Abendwanderung durch tief zerfurchtes Gelände, Klapperschlangen und Versteinerungen zwischen Geröll, immer weiter. Der Weg zurück, ist es der gleiche wie vorhin, wo ist der Aufstieg aufs Plateau? Das Zelt, das Auto, eine Matte, ein Klappstuhl, eine glimmende Pfeife, der weite Himmel, der geheime Ort. Horchen, ob die Tänzer noch singen und tanzen, denken an das, was war und sehen, was ist:

Hier auf dem Stronghold Table, der Blick in die Dunkelheit, schemenhafte, mystische Silhouetten, die glimmende Pfeife gleich neben mir, der Geruch von gutem Tabak in meiner Nase. Am Horizont ein greller, künstlich anmutender Punkt, der nicht passt, nicht hier- und nicht dorthin: Angestrahlte Präsidentenköpfe von Männern, die sich einst dem demokratischen Gedanken der amerikanischen Verfassung verschrieben hatten und gleichzeitig ein Symbol für die Unterdrückung, Vernichtung und Vertreibung indigener Völker darstellen. Präsidentenköpfe als gigantische Fremdkörper im Granit der den Indianern heiligen und im Vertrag von Laramie auf ewig zugesprochenen Black Hills. Die Tragödie wird spürbar. Die Spannung zwischen dem grellen Lichtpunkt und der selbstlosen Ruhe, Einsamkeit und Einzigartigkeit des Stronghold Tables wächst mit jeder Nacht neu und lässt sich nie auflösen, auch wenn wir heute Nacht viel darüber reden und zu keiner Lösung kommen.

Stronghold Table
Stronghold Table

Durchreise

Wieder im Cuny Table Cafe´. Die Morgensonne taucht das Café und die Prärie in weiches rotes Licht. Der Kaffeeduft vermischt sich unwiderstehlich mit dem Geruch nach Morgentau auf Gras, Staub und Salbei. Den Rucksack hieve ich auf den Pick Up eines Straßenarbeiters. Bei offenen Fenstern leicht fröstelnd, verschwindet das Cafe´ in einer Staubwolke. Schlechte, staubige Reservatsstraßen. Warum arbeitet ein Weißer in einem Straßenbauprojekt des Stammesrates auf Reservatsland mit unvorstellbar hoher Arbeitslosigkeit? Weil es keine qualifizierten Arbeitskräfte gibt, weil die Hilfskräfte nach ein paar Tagen keine Lust mehr haben, ihren Sozialhilfezuschuss auch so bekommen. So einleuchtend, so ernüchternd die Antworten des Fahrers, ohne Groll, wie sonst so oft, vielmehr mit einem Hauch von Resignation, Mitleid und Galgenhumor in der Stimme. Warten auf den nächsten Lift an einer einsamen Kreuzung, in Sichtweite ein paar trostlose Trailer auf weitem Feld. Warten. Ein krankhaft röhrender Pick Up Truck hält. Ein Indianer am Steuer. Laute Unterhaltung. Der Wagen fährt nur noch im zweiten Gang. Immerhin! Nach Porcupine. Vorbei am Stammescollege. Vorbei an bitterer Armut. Vorbei an vielen Kreuzen und Schildern an den Zäunen, den Orten tödlicher Verkehrsunfälle. Vorbei an einem mit Stoffbahnen und Opfergaben behangenen Baum, vorbei am Ort des letzten Sonnentanzes.

Aber auch mein Fahrer weiß keine andere Lösung, die Spannung zwischen Geschichte und Gegenwart aufzulösen, außer der im Reservatsleben tief verankerten Schicksalsergebenheit, Hoffnung und Humor, während der Motor in Höchstleistungen improvisiert, immer wieder, und das vermutlich schon seit Generationen.

Sage Creek Wilderness
Sage Creek Wilderness

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